
Acht Frauen sitzen einmal im Monat im Kreis in Worpswede, und keine von uns bekommt am Ende etwas Schriftliches in die Hand – kein Zertifikat, kein Abschlussbogen, nur den Nachklang der Trommel im Brustkorb. Genau diese Zahl lässt mich nicht los, seit ich daneben die Power of Love Ausbildung angefangen habe, ein Online-Programm zur Heilung des inneren Kindes, das ich fast immer allein am Küchentisch durcharbeite, Zwetschge auf dem Fensterbrett, ein paar Ranunkeln aus dem Laden neben der Tastatur. Zwei Wege, ein Ziel, und doch fühlen sie sich an wie zwei verschiedene Berufe. Als Floristin aus dem Bremer Viertel dachte ich früher, Trauerarbeit sei vor allem etwas für die Hände – Kränze binden, Stiele schneiden, fertig. Inzwischen weiß ich, dass beide Wege etwas ganz anderes von mir verlangen, und genau darum will ich sie heute nebeneinanderlegen.
Acht Frauen und ein stiller Bildschirm
Lore Ahlers sitzt seit dem ersten Samstag neben mir im Kreis, fährt uns beide mit ihrem eigenen Wagen aus Verden herüber und redet auf der Hinfahrt meistens über alles außer das, was uns gleich erwartet. Sie töpfert nebenbei, erwähnt das aber selten – heute erzählt sie kurz von einer Schale, die ihr im Brand zersprungen ist, dann klingt draußen schon die erste Trommel an. Der Kreis selbst ist schlicht: keine Anleitung von oben, keine Hausaufgaben zwischen den Terminen, nur acht Frauen, die sich einmal im Monat an einem Samstag hinsetzen und trommeln, reisen, schweigen. Bevor ich losfahre, drehe ich manchmal noch eine kurze Runde durch den Bürgerpark, einfach um den Kopf vor der Fahrt frei zu bekommen.
Zuhause sieht die Übung anders aus. Kein Trommelklang, keine anderen Atemzüge im Raum – nur ein Modul, das sich Schritt für Schritt öffnet, mit Übungen, die manchmal so konkret sind, dass sie fast unangenehm werden: einen Brief an das eigene achtjährige Ich schreiben, eine Szene aus der Kindheit noch einmal durchleben, ohne sie zu beschönigen. Die Power of Love Ausbildung verlangt eine andere Art von Mut als der Kreis in Worpswede. Niemand sieht, ob ich weine oder das Tablet einfach zuklappe. Genau das macht sie manchmal leichter und manchmal schwerer als der Samstag in der Gruppe.

Was gibt der Kreis in Worpswede, was die Power of Love Ausbildung nicht ersetzt?
Im Kreis trägt man die eigene Geschichte nicht allein. Wenn eine der acht Frauen zu weinen anfängt, hört keine von uns auf zu trommeln, aber der Rhythmus wird leiser, fast wie von selbst. Diese stille Abstimmung zwischen fremden Menschen habe ich online noch nicht erlebt und glaube auch nicht, dass ein Bildschirm das je leisten kann. Was fehlt, ist die Reibung im Alltag danach: Nach einem Samstag in Worpswede fahre ich zurück in mein normales Leben, aber niemand aus dem Kreis sieht, wie ich am Montag wieder hinter dem Tresen stehe und Rosen zuschneide.
Die Online-Ausbildung dagegen begleitet genau diesen Alltag. Sie liegt auf dem Tablet neben der Kasse, sie wartet, während ich Kunden bediene, und holt mich abends wieder ab, wenn der Laden zu ist. Das ist ihr eigentlicher Vorteil: Sie passt sich meinem Rhythmus an, nicht umgekehrt. Der Kreis dagegen verlangt, dass ich mich einmal im Monat komplett aus meinem Alltag herausnehme – ein Termin, den ich mir sonst wahrscheinlich nie geben würde.
Woran ich merke, dass sich etwas bewegt
Neulich stand ich am Bindetisch und summte, ohne es zu merken, ein altes Lied, das meine Mutter früher in der Küche gesungen hat. Erst nach zwei, drei Takten fiel mir auf, was ich da tat – und zum ersten Mal seit Langem tat es nicht weh. Kein Kloß im Hals, kein Griff nach einem Taschentuch, nur die Melodie und meine Hände, die weiterarbeiteten. Das war kein Ergebnis aus einem Modul oder einer Übung im Kreis, jedenfalls nicht direkt. Es war einfach da, wie eine Blüte, die man tagelang für geschlossen gehalten hat und die über Nacht doch aufgegangen ist.
Bevor ich einen dieser beiden Wege gefunden hatte, half mir vor allem ein Glas Wein am Abend, wenn die Leere zu groß wurde. Das hat eine Weile tatsächlich funktioniert – bis es das eines Abends nicht mehr tat und ich nur noch müder und leerer aufgewacht bin als vorher. Ich erwähne das, weil ich nicht möchte, dass diese Zeilen wie eine glatte Erfolgsgeschichte klingen. Manche Abende sind einfach nur schwer, egal welchen Weg man gerade übt.

Inke, die weißen Anemonen und das Gesicht hinter der Trauerarbeit
Inke Glandorf kommt seit Jahren zu jedem Jahrestag in den Laden und kauft dann ausschließlich weiße Anemonen, nie etwas anderes. Neulich fragte sie mich beiläufig, ob ich glaube, dass man mit Ende vierzig noch etwas an sich verändern könne, während ich den Bund für sie zusammenband. Ich habe nicht sofort geantwortet, aber im Kopf war die Antwort sofort da: Das innere Kind ist für mich kein Begriff aus einem Modul mehr, sondern ein Gesicht – manchmal meines, manchmal das einer Kundin, die vor mir am Tresen steht und über etwas ganz anderes spricht. Genau dort wird das, was in der Ausbildung Schattenarbeit heißt, plötzlich konkret statt theoretisch.
In der Power of Love Ausbildung geht es auch um die Ahnenlinie, und ich habe an anderer Stelle ausführlicher aufgeschrieben, wie sich mein Blick auf meine Mutter seither verändert hat – wer neugierig ist, findet den Text zur Ahnenheilung für Anfänger: Wie ich heute anders auf meine Mutter blicke. Hier will ich nur so viel sagen: Ingrid taucht in beinahe jeder Übung auf, ob ich will oder nicht, im Kreis genauso wie vor dem Bildschirm.

Wofür ich mich an welchem Abend entscheide
Was beide Wege verbindet, ist das Notizbuch danach. Ich presse eine Blüte zwischen die Seiten, wenn mich ein Moment besonders trifft, egal ob er aus Worpswede oder aus einem Modul stammt, und mehr dazu, wie so ein Ritual überhaupt entsteht, steht in meinem Beitrag Ein spirituelles Tagebuch schreiben mit gepressten Blumen aus meinem Laden. Das Buch selbst unterscheidet nicht, welcher Weg die Blüte hervorgebracht hat, es nimmt beide gleich ernst.
Beide Wege benutze ich inzwischen eher wie Werkzeug als wie eine Weltanschauung – näher an meiner Rosenschere als an einer fertigen Antwort. Manchmal hilft mir dabei auch der Blick auf den eigenen Laden selbst; ich habe einmal aufgeschrieben, wie ich an die Energetische Reinigung von Räumen: Wie ich meinen Blumenladen in Bremen kläre herangehe, und mit dem Kreis und der Ausbildung mache ich nichts anderes: wegschneiden, was nicht mehr trägt, Platz lassen für das, was nachwächst.
Wichtig ist mir dabei eines: Weder der Kreis in Worpswede noch die Power of Love Ausbildung ersetzen eine Therapie. Ich bin Floristin, keine Psychotherapeutin, und wenn Trauer oder alte Kindheitswunden den Alltag wirklich lahmlegen, gehört der erste Weg zur Hausärztin oder zu einer approbierten Psychotherapeutin, nicht zu einem Online-Kurs. Beide Wege, die ich hier nebeneinandergelegt habe, sind für mich eine Ergänzung zu einem eigentlich schon stabilen Leben, kein Ersatz für eines, das gerade zusammenbricht.
Zwischen beiden wähle ich nicht grundsätzlich, sondern je nach Abend. Wenn ich Menschen um mich brauche, die nicht wegsehen, wenn es unangenehm wird, fahre ich nach Worpswede. Wenn ich lieber allein zusammenbreche, ohne dass jemand zusieht, und mich danach in Ruhe wieder zusammensetze, öffne ich stattdessen ein Modul am Küchentisch. Keiner der beiden Wege heilt das innere Kind fertig – aber zusammen zeigen sie mir öfter, wessen Stimme gerade spricht, wenn ich mich klein und falsch fühle. Das allein war es mir wert, wie auch immer man diesen Weg nennt.
Dieser Text spiegelt meine persönlichen Erfahrungen wider und dient der Information. Ich bin keine Ärztin oder Therapeutin. Bei psychischen Belastungen oder anhaltender Trauer suchen Sie bitte unbedingt professionelle medizinische oder therapeutische Hilfe auf.
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