Das Bluetentagebuch

Meine erste schamanische Einzelsitzung zur Heilung der Trauer um meine Mutter

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Es gibt einen Raum in dir, der plötzlich leer steht und den niemand betreten kann außer du selbst.

Diese Frage trage ich seit dem März 2024 mit mir herum, seit meine Mutter Ingrid an Bauchspeicheldrüsenkrebs starb, nur sieben Wochen nach der Diagnose. Trauerbewältigung, das habe ich lange geglaubt, kenne ich – ich binde Kränze und Trauersträuße für halbes Bremer Viertel, kenne jedes Ritual auswendig. Aber gegen den Raum, der sich damals plötzlich in mir aufgetan hat, hilft bis heute kein einziger Kranz.

Eine Stammkundin hat mir irgendwann die Nummer einer Schamanin in Worpswede zugesteckt, mit dem Satz, das könne ja wohl nicht schaden. Bevor ich von diesem Nachmittag erzähle, kurz der Hinweis, den ich in jedem Eintrag wiederhole: Buchst du über einen der Links hier ein Programm, bekomme ich eine kleine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts. Ich bin Floristin, keine Beraterin – lies dir Verträge selbst genau durch, bevor du dich auf etwas einlässt.

Monatelang vorher habe ich es mit einer Meditations-App versucht, jeden Abend zehn Minuten, ein Häkchen im Kalender. Nach drei Wochen habe ich einfach aufgehört, ohne große Entscheidung – das Handy ist öfter liegen geblieben, bis es ganz aufgehört hat. Eine Freundin von mir pflegt seit Jahren ihren Schrebergarten an der Hemmstraße und wird dort beim Unkrautjäten ganz ruhig; bei mir wächst zwischen App-Erinnerungen offensichtlich nichts.

In der Woche vor der Fahrt stehe ich morgens auf dem Bremer Blumengroßmarkt in Mahndorf zwischen den Eimern und weiß kaum, wonach ich greife. Zurück im Laden, mitten am Nachmittag, fahre ich mit der Hand in einen der Eimer, und die Kälte des Wassers schneidet so scharf durch die Finger, dass ich für einen Moment an nichts anderes mehr denken kann als an genau diese Kälte – und das ist, mitten in dieser Woche, das Einzige, was mir wirklich gelingt: für eine Sekunde nicht an den leeren Raum zu denken.

Die erste schamanische Einzelsitzung in Worpswede

An einem schwülen Nachmittag im August fahre ich zum ersten Mal nach Worpswede. Meine Hände riechen noch nach Eukalyptus und kaltem Blumenwasser, der Geruch klebt an mir wie ein zweiter Beruf. Ich fühle mich wie eine Betrügerin an meiner eigenen Trauer und will eigentlich wieder umkehren. Im Kopf rechne ich mir die 120 Euro für die zwei Stunden schon als „Fortbildung, kreative Inspiration" in die Buchhaltung, weil ich mir nicht eingestehen kann, wie dringend ich Hilfe brauche.

Am Waldrand parke ich und laufe die letzten Meter zu Fuß. In der Praxis verschwimmt vieles – der Dampf vom Kräutertee vor mir, die Frage, was ich hier eigentlich mache. Während die Schamanin erklärt, was eine Einzelsitzung ist, wandert mein Kopf zurück zu einer Kundin, die gestern eine Frage gestellt hat, auf die mir keine rechte Antwort einfällt. Hier soll es um mein „inneres Licht" gehen, und ich denke an offene Bestellungen.

Wenn die Trommel lauter wird als der eigene Kopf

Ich arbeite mit den Händen, ich brauche das Greifbare. Aber als die Trommel anfängt, passiert etwas, das ich nicht steuern kann. Es ist keine sanfte Welle, sondern eine Vibration, die direkt in die Knochen geht. Mitten im Sonnengeflecht zieht plötzlich ein stechender Kälteschmerz durch mich, als hätte jemand ein Fenster in meinem Bauch aufgerissen.

Dann, als die Trommel aufhört, kommt eine Wärme, die sich anfühlt wie eine schwere Wolldecke – genau die, die meine Mutter mir früher um die Schultern legte, wenn ich als Kind krank war.

In diesem Moment auf der Liege, weit weg vom Laden, verstehe ich zum ersten Mal, dass innere Leere nach einem Todesfall zu füllen nicht heißt, sie wegzumachen. Es heißt, den Raum begehbar zu machen.

Geheilt habe ich mich in dieser einen Sitzung nicht. Aber etwas hat sich bewegt. Trauer, das lerne ich hier zum ersten Mal, ist kein Welken, das man aufhalten muss, sondern ein Umtopfen in eine Erde, die ich noch nicht kenne.

Ich gehe vom Einzeltermin in den monatlichen Frauenkreis

Nach diesem Nachmittag im August ist nichts mehr wie vorher. Ich suche nicht mehr nach dem schnellen Trost. Ab Anfang 2025 fahre ich einmal im Monat zum Frauenkreis nach Worpswede, acht Frauen, ohne Zertifikate, nur mit Geschichten und einer Trommel. Es hilft mir zu sehen, wie ein schamanischer Frauenkreis meinen Alltag verändert, auch wenn ich montags wieder ganz normal Flieder für Hochzeiten binde.

Sechs Wochen im Online-Programm, und noch ist nichts fertig

Seit Februar bin ich einen Schritt weitergegangen und im Online-Programm POWER OF LOVE eingeschrieben. Jeden Monat wird ein Betrag von meinem Konto abgebucht, den ich mir als kleine Floristin eigentlich zweimal überlegen sollte. Es ist wie mit gutem Dünger: Man sieht das Ergebnis nicht sofort, aber die Struktur der Pflanze verändert sich still im Untergrund.

Begleitet werden wir von den dreizehn Clanmüttern des Programms, was fremd klingen kann, aber für mich, die ihre eigene Mutter so plötzlich verloren hat, wie eine Art Halt wirkt. Es geht dort auch um Ahnenarbeit und, in dieser Woche, um das Anschauen der eigenen Schatten – beides Themen, bei denen ich noch ganz am Anfang stehe.

Diese Woche, in der sechsten Woche des Programms, merke ich zum ersten Mal, dass etwas leiser geworden ist. Am Abend liegt Zwetschge auf dem Küchenfensterbrett, ich schreibe ins Moleskine, und zum ersten Mal seit Monaten sehe ich sie dort und denke nicht an das Loch, das nicht mehr da ist, sondern einfach nur an sie, wie sie daliegt.

Nicht jede Übung im Programm geht auf. Diese Woche soll ich fünf Minuten lang eine Ahnin visualisieren, die mich stärkt, und ich sehe nichts, nur ein graues Flackern hinter geschlossenen Augen, dann klingelt der Wecker und ich stehe auf, ohne Antwort.

Eine Grenze ziehen, bevor es zu tief geht

Etwas ist mir hier wichtig: Ich bin keine Therapeutin. Trifft dich Trauer so hart, dass sie dich erdrückt, oder trägst du eine Diagnose wie eine komplexe posttraumatische Belastung, kann ein spirituelles Programm wie dieses allein zu viel aufwühlen. Eine Trommel öffnet Dinge, die man ohne fachliche Begleitung schwer wieder sortiert bekommt – sprich in so einem Fall bitte mit deinem Hausarzt oder einer approbierten Psychotherapeutin. Ein Online-Programm ist ein Werkzeug, kein Ersatz für Behandlung.

Eine gepresste Blüte für jede schwere Woche

Am Tag nach der ersten Sitzung nehme ich eine blaue Anemone aus dem Laden mit nach Hause und presse sie ins Moleskine, genau zwischen die Zeilen über diesen Nachmittag. Inzwischen liegen über zwanzig Blüten zwischen den Seiten, jede für einen Moment, in dem ich gedacht habe, ich kann das nicht, und es dann doch getan habe.

Gestern habe ich wieder eine Lektion aus POWER OF LOVE bearbeitet, wieder zu den eigenen Schatten. Manchmal fühlt sich das an wie ein Strauß, den ich binde und mittendrin merke, dass die Farben nicht zusammenpassen – dann löse ich alles wieder, sortiere die Stiele neu und fange von vorn an. Die Blumen werden davon nicht schlechter. Nur ehrlicher.

Was ich inzwischen sicher weiß: Trauer lässt sich nicht abkürzen, aber man kann anfangen, ihr einen Platz zu geben, so wie man einer Pflanze eine neue Erde gibt, ohne zu wissen, ob sie darin anwächst. Wenn bei dir gerade die Stille in der Wohnung zu laut ist, ist vielleicht nicht die Zeit für Antworten, sondern die Zeit, sich hinzusetzen und zu hören, was die eigene Trommel oder das eigene Herz zu sagen hat.

Alles Liebe aus dem Viertel, deine Helene

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