
Ich schneide gerade die Stiele einer Lieferung Anemonen auf Länge, als eine Kundin mir die Frage stellt, die ich inzwischen öfter höre als jede andere: Wie füllt man das, was nach einem Todesfall leer bleibt?
Was seit dem Tod meiner Mutter Ingrid an Bauchspeicheldrüsenkrebs im März 2024 in mir sitzt, hat mit klassischer Trauerbewältigung wenig zu tun, wie sie in Ratgebern beschrieben wird. Meine Antwort an die Kundin beginnt inzwischen mit einem Widerspruch: Man füllt diese Leere nicht, man lernt, mit ihr zu wirtschaften, ähnlich wie mit einem Kühlraum, der nie ganz voll und nie ganz leer ist. Das habe ich in einer spirituellen Ausbildung mit schamanischen Ritualen gelernt, mehr als in jedem klassischen Trauergespräch.
Bevor es weitergeht, kurz dazwischen: In diesem Text schreibe ich über Kurse, die ich selbst bezahle, und wenn du über einen der Links etwas buchst, bekomme ich eine kleine Provision, ohne dass sich dein Preis ändert. Ich bin Floristin, keine Ärztin und keine Therapeutin. Wer gerade wirklich leidet, sollte sich an eine Hausärztin oder eine approbierte Psychotherapeutin wenden, nicht an mich. Hier ist meine vollständige Offenlegung.
Innere Leere: kein Synonym für Trauer
Trauer kannte ich beruflich, lange bevor sie privat wurde, ich binde Kränze und weiß, welche Schleife zu welchem Anlass gehört. Was nach Ingrids Tod kam, war etwas anderes als das, was ich aus der Werkstatt kannte. Kein Weinen, das kommt und geht, sondern eher ein Raum, der plötzlich ohne Möbel dasteht. Auf der Rückfahrt vom Großmarkt, die Kisten mit nassen Stielen noch im Wagen, fällt mir zum ersten Mal richtig auf, dass ich die ganze Fahrt über nicht einmal daran gedacht habe, meine Mutter anzurufen -- und danach ist es still im Wagen, auf eine Art, die sich anders anfühlt als bloß leer. Romy Kähler, mit der ich vor Jahren gelernt habe und die heute ihren eigenen Laden in Oldenburg führt, schreibt mir bis jetzt lieber einen einzigen langen Brief im Jahr als viele kurze Nachrichten zwischendurch, und in einem dieser Briefe stand der Satz, der mich seitdem begleitet: ob ich die Leere vielleicht wie eine kaputte Vase behandle, die man kittet, statt wie einen Raum, den man neu einrichtet. Genau das meine ich mit innerer Leere -- sie zeigt sich nicht in dem, was du fühlst, sondern in dem, was plötzlich fehlt, ohne dass du es bemerkt hättest.
Rituale, die von woanders geliehen sind, tragen nicht automatisch
Ein Wochenende in einem Yogakloster in der Eifel wollte ich nutzen, um mit Stille und einem vollen Stundenplan irgendwie weiterzukommen, im ersten Jahr nach Ingrids Tod. Am Ende der zwei Tage saß ich im Auto auf dem Rückweg und weinte, ohne zu wissen, warum, und das fühlte sich nicht nach Durchbruch an, sondern nach Erschöpfung. Diese Erfahrung hat mir eine Faustregel mitgegeben, die ich seitdem an jede Kundin weitergebe, die mich nach dem passenden Ritual fragt: Ein Ritual, das nichts mit deinem eigenen Alltag zu tun hat, mit deinen Händen, mit dem, was du sowieso schon kannst, wird dich eher erschöpfen als tragen. Bei mir sind das die Blumen und das Wasser im Eimer. Die Form ist dabei egal -- wichtig ist nur, dass sie dir schon vertraut ist, bevor du sie mit etwas Größerem belädst.
Ein Jahresprogramm mit dreizehn Clanmüttern klang für mich zuerst übertrieben
Angefangen hat es mit einer einzelnen Sitzung bei einer Frau in Worpswede, die mir eine Stammkundin empfohlen hatte. Inzwischen bin ich einen Schritt weitergegangen und in das Online-Programm POWER OF LOVE eingestiegen, das mit der Weisheit von dreizehn Clanmüttern arbeitet -- ein Rahmen, der mir zuerst reichlich künstlich vorkam, bis ich merkte, dass er einfach eine Struktur für etwas anbietet, wofür ich sonst keine Worte hätte. Verschiedene Formen habe ich ausprobiert, und die klarste Antwort, die ich geben kann, ist diese: Ein Trauergespräch ordnet, eine Trommelreise verschiebt etwas, ohne dass Worte beteiligt sind -- wer wissen will, wie sich das konkret anfühlt, findet mehr dazu in meinem Text über die Schamanische Reise für Anfänger. Trauer ist für mich seitdem kein Prozess mit Phasen mehr, wie es in vielen Ratgebern klingt, sondern ein konkreter Raum, der leer geworden ist und anders gefüllt werden muss -- die ersten Schritte dazu habe ich in einem eigenen Text zur Trauerbewältigung wenn die Mutter verstorben ist aufgeschrieben.
Und was, wenn ich mir das Programm eigentlich nicht leisten kann?
Diese Frage bekomme ich öfter als jede andere, und ich beantworte sie nicht mit einer Zahl, sondern mit einer Beobachtung: Die monatliche Rate für POWER OF LOVE ist bei mir ein Betrag, bei dem ich jeden Monat kurz schlucke, und genau dieses Schlucken gehört inzwischen zur Übung dazu -- es macht die Bindung fühlbar, auf eine Art, wie es eine einmalige Zahlung bei mir nicht geschafft hätte. Der gleiche Anbieter führt mit A TOUCH OF ALOHA noch ein zweites Programm mit hawaiianischem statt mütterlichem Schwerpunkt, das ich mir kurz angeschaut, aber nicht gewählt habe, weil mich gerade die weibliche Linie mehr betrifft als ein exotischer Rahmen. Was ich niemandem raten würde: sich für ein Jahresprogramm zu entscheiden, ohne vorher ehrlich auf das eigene Konto zu schauen. Was ich genauso wenig raten würde: so lange zu warten, bis sich die innere Leere von allein erledigt -- bei mir hat sie das nicht getan, sie hat nur leiser gedrückt, bis ich etwas verändert habe.
Tagebuch, Ahnenarbeit und eine gepresste Pfingstrose
Wenn ich heute eine Pfingstrose in die Hand nehme, denke ich zuerst an eine Übung mit den Ahninnen, seit ich einmal danach eine schwere, blassrosa Blüte gepresst habe, weil der Moment zu groß für Worte war. Mein Moleskine, in das solche Blüten inzwischen regelmäßig wandern, gehört zu den wenigen Werkzeugen, die bei mir wirklich zuverlässig funktionieren, und wie genau, steht ausführlicher in meinem Text übers spirituelle Tagebuch schreiben. Diese Arbeit bleibt dabei nicht auf dem Papier -- sie zeigt sich beim Kassieren, beim Fegen, beim Zuschneiden von Bindedraht, oder sie zeigt sich gar nicht, egal wie viel Zeit man im Kurs verbringt. Ahnenarbeit gehört für mich inzwischen fest dazu, nicht als zusätzliche Übung, sondern als der Teil, der mir zeigt, dass ich nicht die erste Frau in meiner Linie bin, die so eine Leere aushalten musste. Und die Huna-Lehre, mit der ich über das zweite Programm in Berührung gekommen bin, hat mir vor allem eine Frage mitgegeben, die ich seitdem öfter stelle, als mir manchmal lieb ist: Woran glaube ich gerade, und trägt mich dieser Glaube, oder zehrt er nur an mir.
Muss ich zuerst ins Dunkle schauen, bevor sich etwas füllt?
Bevor sich bei mir überhaupt etwas gefüllt hat, musste ich erst die hässlicheren Gefühle ansehen, zum Beispiel den Neid auf Frauen, deren Mütter noch leben. Das ist Schattenarbeit, kein Wellness-Termin, und niemand hat mir vorher gesagt, wie unangenehm das sein kann. Meine Wochenend-Aushilfe im Laden, Mina Bargmann, hat mir in genau diesem Zusammenhang einmal den Begriff Trauma so erklärt, dass er zum ersten Mal wirklich passte -- nicht als Etikett, sondern als Beschreibung für ein Gefühl, das mich manchmal noch mitten im Alltag überrascht. Energetischer Schutz bedeutet für mich seitdem vor allem eins: Nach einer intensiven Sitzung bediene ich nicht sofort wieder Kundinnen, sondern gebe mir selbst ein paar Minuten, bevor der Laden mich wieder braucht.
Erdung, Hellsinne und Herzöffnung sind keine Häkchen auf einer Liste
Erdung habe ich lange für ein hohles Wort gehalten, bis klar wurde, dass sie bei mir schlicht heißt: die Füße spüren, während die Hände etwas Reales tun, Wasser, Stiele, Draht. Hellsinne, wenn man sie so nennen will, haben sich bei mir nicht wie eine Tür geöffnet, sondern eher wie ein Geruch, den man erst bemerkt, wenn man aufhört, ihn wegzuatmen. Herzöffnung, von der im Programm ständig die Rede ist, kommt bei mir selten als großes Gefühl, sondern meistens als das leise Zulassen, dass jemand mich mitten in der Arbeit weinen sieht, ohne dass ich das Gespräch abwürge. Keines dieser Worte hat mir am Anfang irgendetwas gesagt, und alle drei haben inzwischen eine sehr konkrete, sehr unspektakuläre Bedeutung bekommen.
Nach Ladenschluss laufe ich manchmal durch die schmalen Gassen des Schnoorviertels, nur um den Kopf freizubekommen, bevor ich nach Hause fahre, und genau dort wird mir jedes Mal klar, worauf am Ende jede dieser Fragen hinausläuft: Bevor du irgendein Ritual, irgendein Programm oder irgendeinen Kurs beginnst, prüf, ob er an etwas andockt, das deine Hände oder dein Alltag schon kennen. Alles andere bleibt Theater, egal wie schön es aussieht.
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