Das Bluetentagebuch

Vergebung lernen durch Rituale für mehr inneren Frieden nach einem Verlust

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Zwetschge liegt zusammengerollt auf dem Fensterbrett, die Pfoten unter den Körper gezogen, und ich stehe mit klammen Händen daneben und warte auf das Loch. Auf die Lücke, von der alle sprechen, wenn sie über Trauerarbeit reden – jene angebliche Leerstelle, die ein Verlust hinterlässt und die man mit einem Vergebungsritual angeblich wieder auffüllen soll. Es kommt nicht. Da ist keine Lücke. Da ist nur sie, die schläft, und ich, die schaut, während draußen der Abend über das Viertel fällt.

Es gibt einen Satz, den ich in den letzten Monaten immer wieder höre – von Kundinnen, von Frauen aus meiner spirituellen Ausbildung, manchmal auch von mir selbst, wenn ich nicht aufpasse: Vergebung geht nur, wenn du der anderen Person alles sagst, was du fühlst. Erst das Gespräch, dann die Erleichterung. Das klingt vernünftig. Es ist trotzdem falsch, jedenfalls für mich, und ich habe das auf die harte Tour gelernt.

Bevor ich weiterschreibe, kurz dazu: Ich teile hier meine eigene Sicht auf ein Thema, mit dem ich mich gerade in meiner Ausbildung beschäftige. Manche Links in diesem Text sind Affiliate-Links – wenn du darüber etwas buchst, bekomme ich eine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts. Ich empfehle nur, was ich selbst nutze und bezahle. Ich bin keine Therapeutin und keine Rechtsberaterin, nur eine Floristin, die ihren eigenen Weg durch dieses Thema sucht.

Der Mythos vom befreienden Geständnis

Seit meine Mutter Ingrid gestorben ist – sieben Wochen nach der Diagnose, viel zu schnell für jedes Ritual, das ich aus dem Laden kannte – kenne ich diesen Satz besonders gut: Sag ihr alles, dann ist es vorbei. Er klingt nach gesundem Menschenverstand. Er steht in jedem zweiten Ratgeber über Trauerarbeit, den ich in den letzten Monaten in die Hände bekommen habe.

Im vergangenen Jahr habe ich es trotzdem versucht, nur mit einer anderen Person. Meiner Schwester habe ich an einem Abend alles erzählt, was ich fühlte – jede alte Kränkung, jede Wut, ungefiltert, ohne etwas zurückzuhalten. Ich dachte, danach würde etwas leichter werden. Stattdessen habe ich sie danach wochenlang nicht angerufen. Nicht aus Streit. Eher aus einer Erschöpfung, die ich nicht kommen sah. Das Aussprechen hatte nichts aufgelöst. Es hatte nur offengelegt, wie viel davon noch ungeordnet in mir lag.

Roswitha Feddersen, eine alte Freundin und Stammkundin, glaubt an keinen Trommelkreis und an keine Ahnenarbeit – sie hat mir das nie ausgeredet, aber auch nie verschwiegen, dass sie es für Unsinn hält. Trotzdem war sie es, die mir genau diesen Satz zuerst sagte: Du musst nur mit ihr reden, dann ist es vorbei. Ich habe ihn geglaubt, weil er einfach war. Heute würde ich ihr widersprechen, und ich glaube fast, sie mir inzwischen auch.

Was mir seitdem mehr hilft als das große Gespräch mit anderen, ist die eigene Arbeit in meiner POWER OF LOVE-Ausbildung, in der Vergebung nicht als einmaliger Akt gilt, sondern als etwas, das man immer wieder neu übt.

Moleskine-Tagebuch mit gepresster Ranunkel als Teil eines persönlichen Vergebungsrituals nach einem Verlust

Muss die andere Person es hören, damit es zählt?

Trude Warnecke aus meinem Online-Kurs, mit der ich nur schreibe, nie telefoniert oder mich getroffen habe, hat mir genau diese Frage gestellt: Muss ich es ihm auch sagen, damit es zählt? Sie hat vor einiger Zeit ihren Mann verloren und ist aus einem ähnlich plötzlichen Impuls heraus wie ich in den Kurs gerutscht – und stellte mir damit eine Frage, die ich mir selbst noch nicht gestellt hatte, jedenfalls nicht so direkt. Ich habe eine Weile gebraucht, um ehrlich zu antworten: Nein. Niemand muss es hören, damit es zählt.

Am Bremer Blumengroßmarkt in Mahndorf, wo ich jede Woche zwischen den Kühlwagen nach den besten Stielen suche, liegt oft eine Kiste mit angeschlagenem Mohn dabei – ein Blütenblatt mit Riss, ein Stiel leicht geknickt. Die guten Händler verstecken das nicht, sie legen die Blüten einfach dazu, mit einem kurzen Hinweis, und ich binde sie trotzdem ein, manchmal sogar bevorzugt, weil ein Strauß aus lauter perfekten Stielen schnell leblos wirkt. So stelle ich mir inzwischen auch Vergebung vor: nicht die makellose Aussprache, sondern etwas, das man mit den kleinen Rissen einbindet, weil es sonst gar nicht in den Strauß passt.

Was ein schamanisches Ritual schafft, das ein Gespräch nicht kann

In der Ahnenarbeit, mit der ich mich in der Ausbildung beschäftige, wird das deutlicher als anderswo: In einem Ritual richte ich mich nicht an Ingrid. Ich richte mich an das, was in mir selbst noch nicht befriedet ist. Vergebung erscheint dabei eher als das, was übrig bleibt, wenn der eigene Schatten wirklich angesehen wurde – nicht als Entscheidung, die man trifft, sondern als Folge von etwas, das vorher geschehen muss.

Manche kommen über eine schamanische Reise dorthin, andere über die Huna-Lehre, wieder andere über energetischen Schutz im Alltag oder über ein spirituelles Tagebuch, in das sie an ruhigen Abenden schreiben. Bei mir sind es eher kleine Erdungsübungen zwischendurch und die Arbeit, die eigenen hellen Sinne nicht ständig zu überhören, die am meisten bewegen. Der Weg unterscheidet sich, das Prinzip nicht: Es passiert zuerst in einem selbst, unabhängig davon, ob die andere Person noch da ist, um es zu hören.

Wer sich fragt, wie man diese Leere überhaupt füllen soll, wenn ein Mensch fehlt, findet dazu einen eigenen Text von mir: Innere Leere füllen nach einem Todesfall. Die Ahnenarbeit in der POWER OF LOVE Ausbildung hat mir gezeigt, dass genau diese Leere sich eher wandelt als verschwindet.

Diese Verschiebung heißt bei manchen Trauerintegration, bei anderen schlicht Alltagsintegration – für mich ist es dasselbe: Das Ritual verlässt irgendwann den Kreis der Frauen aus dem Kurs und wandert mit in den Laden, in die Art, wie ich mit Kundinnen spreche, in die Art, wie ich abends das Licht lösche.

So fängst du an, ohne auf eine Antwort zu warten

Meine Antwort an Trude war im Kern simpel, auch wenn es mir schwerfiel, sie so klar auszusprechen: Fang bei dir an. Ein Ritual muss nicht groß sein und nicht einmal sichtbar für die andere Person. Manchmal reicht ein einzelner Stiel Schleierkraut, den ich beiseitelege, während ich mir vorstelle, was ich sagen würde, wenn die Person noch da wäre oder antworten könnte. Kein Publikum, keine Bestätigung von außen nötig, nur die eigene Ehrlichkeit für ein paar Minuten. Das Aussprechen bleibt dabei manchmal ganz aus. Es reicht, es einmal ehrlich gedacht zu haben.

Wer selbst noch ganz am Anfang eines ähnlichen Weges steht, findet in einem anderen Text von mir eine ehrliche Beschreibung der Erfahrungen nach den ersten acht Wochen. Dort schreibe ich offener über die Zweifel, als ich es hier tue.

Zwetschge schläft noch immer auf dem Fensterbrett, als ich gleich das Licht im Laden lösche. Keine Lücke, kein großes Gespräch, das noch aussteht. Nur eine Katze, ein leerer Laden und die Ahnung, dass Vergebung eher ein Ritual ist, das man für sich selbst wiederholt, als ein Satz, den man einmal laut sagt und danach ist es erledigt.

Mal kurz:
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