
Es ist spät geworden im Laden. Das metallische, kalte Klicken der Messingglocke, wenn ich den Schlüssel von innen umdrehe, markiert den Moment, in dem die Welt draußen bleibt. Es riecht nach feuchtem Moos und Erde — ein Geruch, der mich seit März 2024 immer sofort an den Tag erinnert, als alles aufhörte. Draußen fällt dieser feine Bremer Nieselregen gegen die Scheiben meines schmalen Altbauladens im Viertel.
Bevor ich zu den Ritualen der letzten Wochen komme, ein kleiner Hinweis: Ich teile hier meine ganz persönlichen Erlebnisse aus meinem Moleskine-Tagebuch. Wenn du über die Links in meinen Texten etwas kaufst, erhalte ich eine Provision, für dich bleibt der Preis gleich. Ich empfehle nur, was ich selbst nutze und bezahle — wie meine aktuelle Ausbildung. Bevor du selbst viel Geld investierst, schau dir die Bedingungen genau an. Ich bin keine Rechtsberaterin oder Therapeutin, nur eine Floristin, die ihren Weg sucht.
Das Gewicht der Dinge, die man nicht mehr sagen kann
Seit 13 Jahren führe ich diesen Laden nun schon. Ich habe Hunderte von Trauerkränzen gebunden, Schleifen beschriftet und Hände gehalten. Ich dachte, ich wüsste, wie Abschied funktioniert. Aber als meine Mutter Ingrid im März 2024 starb, nur 7 Wochen nach der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs, war da kein Ritual, das groß genug war. Es blieb so viel Unausgesprochenes zurück. Kleine Vorwürfe, alte Verletzungen, Dinge, die wir „später“ klären wollten.
Inzwischen weiß ich, dass Vergebung nichts ist, was man einmal entscheidet und dann ist es erledigt. Es ist eher wie eine Staude, die man jedes Jahr neu zurückschneiden muss. Seit Februar 2026 bin ich nun in diesem einjährigen Online-Programm, das mich monatlich einen Betrag kostet, bei dem ich jedes Mal ein kurzes, kaltes Ziehen im Solarplexus spüre, wenn die Abbuchung auf meinem Geschäftskonto erscheint. Aber ich brauche diesen Rahmen.

Wenn die Technik auf die Erde trifft
Mitte Februar saß ich das erste Mal vor meinem Laptop, während Zwetschge, meine 15-jährige schildpattfarbene Katze, misstrauisch vom Fensterbrett zusah. Es ging um die erste der 13 Clanmütter, die uns durch das Jahr begleiten. Die Idee, schamanische Arbeit online zu machen, fühlte sich anfangs seltsam an. Ich arbeite den ganzen Tag mit den Händen in eiskaltem Wasser und fester Erde, und dann soll Heilung über einen Bildschirm passieren?
Ein Moment im März sah absolut nicht nach Fortschritt aus: Ich versuchte, einer geführten Trommelreise zu folgen, als Zwetschge mit dem Schwanz eine Vase mit Ranunkeln umstieß. Das Wasser ergoss sich direkt über mein Moleskine-Notizbuch. Ich saß da, die Seiten mit meinen intimsten Gedanken klatschnass, und wollte einfach nur aufhören. War das ein Zeichen? Oder einfach nur das Leben? Ich habe die Ranunkel später gepresst, trotz der Wasserflecken. Sie steht jetzt für den Moment, in dem ich fast aufgegeben hätte.
In solchen Momenten hilft mir die Struktur. Das Programm POWER OF LOVE ist auf 12 Monate ausgelegt, und diese Langsamkeit ist es, die mich rettet. In meinem Kurs geht es viel um die Ahnenarbeit. Ich lerne dort, dass Vergebung nicht bedeutet, das Geschehene gutzuheißen, sondern die energetische Schnur zu kappen, die einen an den Schmerz bindet. Wenn du dich auch gerade fragst, wie du nach einem Verlust weitermachen sollst, schau dir vielleicht mal meinen Text über Innere Leere füllen nach einem Todesfall an.
Das Ritual der kleinen Schritte
Ein besonderer Fokus in der Ausbildung liegt auf dem Nervensystem. Das ist der Punkt, den viele Standard-Ratgeber übersehen. Wenn man einen traumatischen Verlust erlebt hat — und 7 Wochen von der Diagnose bis zum Tod sind traumatisch — dann kann man nicht einfach ein „Vergebungsritual“ machen und erwarten, dass alles gut ist. Das System ist im Überlebensmodus. Ein zu großes Ritual würde mich einfach nur überfordern.
Die Arbeit mit den 13 Clanmüttern lehrt mich, die Vergebung in kleine, verdauliche Portionen aufzuteilen. An einem regnerischen Samstag im Mai habe ich mein eigenes kleines Ritual im Laden gemacht, nachdem ich abgeschlossen hatte. Ich habe kein großes Feuer entfacht, sondern nur ein kleines Rauchbündel aus Beifuß angezündet und mir vorgestellt, wie ich den Groll, den ich darüber empfand, dass Ingrid mich so plötzlich allein gelassen hat, in eine welke Pfingstrose flüstere.
Ich habe diese Blume nicht gepresst. Ich habe sie dem Kompost übergeben. Das war der wichtigste Teil: zu akzeptieren, dass manche Dinge vergehen müssen, damit Platz für Neues entsteht. Es war ein leiser Moment, ohne Trommelwirbel, aber danach fühlte sich die Luft im Laden klarer an. Ich bin natürlich keine Ärztin oder Psychologin — bei wirklich tiefer, lähmender Trauer sollte man immer eine professionelle Therapeutin oder einen Hausarzt aufsuchen. Das hier ist nur mein ganz persönlicher, blumiger Weg.
Vergebung als Dauerbrenner
Ich bin jetzt im zweiten Monat der intensiven Phase und habe bereits über 20 gepresste Blüten in meinem Tagebuch. Jede steht für eine Erkenntnis oder einen harten Tag. Die Anemone für die Klarheit, die ich manchmal nach einer Sitzung spüre. Der Eukalyptuszweig für die Wochen, in denen ich mich nur mühsam durch den Alltag im Laden geschleppt habe.
Vergebung gegenüber Ingrid, aber vor allem gegenüber mir selbst, ist wie das Binden eines sehr komplizierten Straußes. Manchmal muss man einen Stiel wieder herausziehen, weil er die Balance stört. Manchmal muss man von vorne anfangen. Die POWER OF LOVE Ausbildung gibt mir das Werkzeug dafür, aber binden muss ich selbst. Es ist ein langsamer Prozess, genau wie das Trocknen der Blumen zwischen den Buchseiten.
Wenn du wissen willst, wie sich die ersten Wochen angefühlt haben, lies gerne meinen Bericht über die Erfahrungen nach den ersten acht Wochen. Es ist eine Reise, die Mut erfordert — und manchmal auch einfach nur die Geduld, den nächsten Sonntagabend abzuwarten, an dem man sich wieder an den Tisch setzt und schreibt.
Jetzt schläft Zwetschge tief auf dem Fensterbrett, und ich werde gleich das Licht im Laden löschen. Morgen kommen frische Pfingstrosen, die großen, schweren, die fast zu schön sind, um wahr zu sein. Vielleicht ist das auch eine Form von Vergebung: Dass das Schöne immer wiederkommt, egal wie hart der März war.
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