Das Bluetentagebuch

Ein spirituelles Tagebuch schreiben mit gepressten Blumen aus meinem Laden

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Es ist Sonntagabend Anfang Juni, der Regen klopft leise gegen die Scheiben meiner Altbauwohnung im Viertel und Zwetschge hat sich wie ein schwerer, warmer Pelzschal um meine Knöchel gelegt. Vorhin im Laden habe ich die letzte Pfingstrose für eine Kundin eingepackt – eine von den ganz dunklen, die fast wie Samt aussehen – und jetzt sitze ich hier mit meinem Moleskine. Das Wasser in den Eimern im Laden muss ich morgen früh als Erstes wechseln, aber jetzt gehört die Zeit dem, was zwischen den Zeilen passiert.

Ich mache das jetzt seit August 2024. Damals, ein paar Monate nach Ingrids Tod, wusste ich einfach nicht mehr, wohin mit all den ungesagten Worten. Ingrid starb im März 2024, nur sieben Wochen nach der Diagnose, und plötzlich war da diese Stille, die selbst das Läuten der Messingglocke an meiner Ladentür nicht übertönen konnte. Mein Tagebuch ist kein schlaues Buch, es ist eher ein Garten, den ich auf Papier anlege. Ein Ort, an dem ich versuche, das, was ich in meiner schamanischen Ausbildung lerne, mit meinen Händen festzuhalten.

Warum ich Blumen in meine Seiten presse

Inzwischen liegen über zwanzig getrocknete Blüten zwischen den Seiten meines Notizbuchs. Es ist eine Methode, die ich am Anfang selbst albern fand. Aber als Floristin verstehe ich Pflanzen besser als Konzepte. Wenn ich in einer Sitzung oder einer Trommelreise etwas erlebe, das mich tief berührt, suche ich mir am nächsten Tag im Laden eine Blume aus, die dieses Gefühl verkörpert. Ich bin keine Heilerin, ich bin nur jemand, der versucht zu verstehen, wie man einen leeren Raum in sich wieder füllt.

Neulich, das war in einer Woche Mitte Mai, ging es in unserem Online-Programm um das Thema Ahnen. Ich saß vor dem Laptop, die Verbindung war schlecht, und ich fühlte mich so unendlich weit weg von allem Spirituellen. Ich sah nur die Pixel auf dem Schirm und spürte gar nichts. Anstatt mich zu zwingen, habe ich mir am nächsten Tag ein einfaches Zweiglein Schleierkraut genommen. Es wirkt so unscheinbar, fast wie Nebel, aber es hält alles zusammen. Ich habe es eingepresst, um zu akzeptieren, dass Heilung manchmal eben auch bedeutet, dass man gerade mal gar nichts spürt.

Nahaufnahme einer gepressten Anemone in einem Moleskine-Tagebuch mit handschriftlichen Notizen.

Die Anatomie meines spirituellen Tagebuchs

Mein Moleskine ist inzwischen ganz dick und ausgebeult. Wenn ich es aufschlage, duftet es ganz leicht nach getrocknetem Eukalyptus und altem Papier. Falls du selbst gerade durch eine schwere Zeit gehst – vielleicht auch einen geliebten Menschen verloren hast – kann ich dir nur sagen: Such dir einen Anker. Worte allein sind oft zu flüchtig. Ich bin natürlich keine Therapeutin, und wenn die Trauer dich ganz dunkel umschließt, ist ein Gespräch mit einem Hausarzt oder einer Psychotherapeutin das Wichtigste. Mein Tagebuch ist nur meine persönliche Krücke.

So baue ich meine Einträge auf:

Es ist ein bisschen wie beim Binden eines großen Straußes: Manchmal hat man eine wunderschöne Blume in der Mitte, aber die Stiele unten sind total verknotet und man muss nochmal ganz von vorne anfangen. In meinem Bericht über meine erste schamanische Reise für Anfänger habe ich schon mal beschrieben, wie holperig dieser Anfang war. Das Tagebuch hilft mir, diese Unebenheiten auszuhalten.

Zwischen Online-Kurs und Blumenladen-Alltag

Manchmal frage ich mich, ob ich zu viel Geld für diese Ausbildung ausgebe. Jeden Monat geht ein Betrag von meinem Konto ab, den ich eigentlich für neue Regale oder die Miete im Viertel bräuchte. Es sind inzwischen ein paar hundert Euro zusammengekommen, seit ich im Februar gestartet bin. Aber dann sitze ich hier, streiche über die flach gepressten Blätter einer Pfingstrose und merke, dass sich in mir etwas bewegt hat. Es ist kein plötzlicher Durchbruch, eher ein langsames Sickerwasser.

Der Kontrast ist oft hart. Morgens stehe ich mit den Händen in eiskaltem Wasser, schneide Rosen an und berate Kunden für Hochzeiten oder Beerdigungen. Und abends versuche ich, mich mit meinen Ahnen zu verbinden oder mein Energiefeld zu klären. Das Tagebuch ist die Brücke zwischen diesen Welten. Wenn ich eine Blume presse, bringe ich den Laden in meine Ausbildung und die Ausbildung in den Laden.

Ein kleiner persönlicher Altar mit einer schamanischen Trommel, einer Pfingstrose und einer schlafenden Katze.

Ein Moment des Scheiterns im Mai

Ich möchte ehrlich sein: Nicht jeder Eintrag in meinem Moleskine ist voller Licht und Erkenntnis. Vor zwei Wochen hatten wir eine Sitzung zur Heilung des inneren Kindes. Ich sollte mir vorstellen, wie ich als kleines Mädchen im Garten spiele. Aber ich konnte mich nicht sehen. Ich sah nur die grauen Fliesen meiner alten Schule und spürte eine enorme Wut auf alles. Ich habe die Übung abgebrochen, mir einen Tee gemacht und Zwetschge beobachtet, wie sie eine Fliege jagte.

Am nächsten Tag habe ich einen dornigen Zweig in mein Buch geklebt. Ohne Blume. Nur die Dornen. Es war mein Weg zu sagen: Das gehört auch dazu. Man muss nicht immer sofort bei der Selbstliebe ankommen. Wer sich für die Heilung des inneren Kindes durch die Power of Love Online Ausbildung interessiert, wird vielleicht merken, dass dieser Weg oft erst einmal durch das Gestrüpp führt, bevor man die Blumenwiese erreicht.

Wie du dein eigenes Herbarium der Seele startest

Du brauchst keinen Blumenladen dafür. Ein Spaziergang im Park oder ein Zweig vom Balkon reicht völlig aus. Es geht nicht um Perfektion. Meine gepressten Blumen sind oft braun am Rand oder verlieren Blätter. Aber genau das ist es ja: Wir sind alle ein bisschen braun am Rand, wenn wir Verluste hinter uns haben. Ingrid hätte wahrscheinlich den Kopf geschüttelt über mein Getrommel und das Räuchern, aber sie hätte die gepressten Blumen geliebt. Sie hat früher immer Vergissmeinnicht in ihren Kochbüchern getrocknet.

Wenn ich heute in meinem Moleskine zurückblättere, sehe ich meinen Weg seit 2024 wie eine Landkarte vor mir. Von der totalen Erstarrung nach dem März 2024 bis zu diesem vorsichtigen Ausprobieren im schamanischen Frauenkreis in Worpswede, der mich so sehr geprägt hat. Es ist ein langsamer Prozess, so wie eine Blume Wochen braucht, um zwischen den Seiten wirklich trocken und fest zu werden.

Ich weiß immer noch nicht, was ich am Ende des Jahres mit diesem Wissen anfangen werde. Vielleicht bleibe ich einfach die Floristin aus dem Viertel, die jetzt ein bisschen aufrechter hinter ihrem Bindetisch steht. Und das wäre auch okay. Für heute klappe ich das Buch zu. Zwetschge ist inzwischen auf meinem Schoß eingeschlafen und draußen ist es ganz dunkel geworden. Ein Sonntagabend, der sich nach einem kleinen, leisen Sieg anfühlt.

Wichtig:
Diese Texte spiegeln meine ganz persönlichen Erfahrungen wider. Ich bin keine Ärztin oder Heilpraktikerin. Wenn du unter schweren seelischen Belastungen oder einer Depression leidest, suche dir bitte unbedingt professionelle Hilfe bei einem Arzt oder Psychotherapeuten. Ein spiritueller Kurs kann eine medizinische Behandlung niemals ersetzen.
Mal kurz:
Keine der Informationen auf dieser Website stellt eine medizinische, rechtliche oder finanzielle Beratung dar. Alle Inhalte basieren auf persönlicher Erfahrung. Wenden Sie sich an einen qualifizierten Fachmann für eine auf Ihre Situation zugeschnittene Beratung.

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