
Der Schwester alles zu erzählen, was ich fühlte, hat weniger bewegt als eine getrocknete Anemone zwischen zwei Buchseiten. Das ist keine hübsche These, das beobachte ich einfach, seit ich in meinem kleinen Laden im Bremer Viertel abends mein Moleskine aufschlage und Blüten presse. Viele Frauen, die gerade eine schamanische Ausbildung beginnen oder mit einem Verlust ringen, glauben, ein spirituelles Tagebuch müsse aus vollständigen Sätzen bestehen – klug formuliert, jeden Tag, ordentlich datiert. Genau dieser Gedanke hält die meisten davon ab, mit gepressten Blumen überhaupt erst anzufangen.
Wir sind am Osterdeich entlang der Weser gelaufen, meine Schwester und ich, kurz nachdem alles mit Ingrid passiert war. Ich habe geredet, jedes Gefühl ausgesprochen, das ich finden konnte, in aller Ausführlichkeit. Danach habe ich sie wochenlang nicht angerufen, weil das Gespräch nichts gebracht hatte – es hatte die Worte nur in der Luft verteilt, ohne dass sich irgendwo etwas gesetzt hätte. Eine gepresste Pfingstrose in meinem Buch hat später mehr gehalten als dieses ganze Gespräch.
Der Irrtum mit den ganzen Sätzen
Trauerbewältigung, so wird es oft dargestellt, brauche Sprache: das richtige Wort zur richtigen Zeit, ausgesprochen oder aufgeschrieben. Manche Ratgeber empfehlen sogar feste Satzanfänge, die man jeden Abend ausfüllen soll. Bei mir sieht es anders aus. Mein Notizbuch ist dick und ungleichmäßig, an manchen Stellen steht nur ein Wort, an anderen ein ganzer Absatz, und dazwischen liegen Blüten aus meinem Laden, die ich presse, wenn mir gerade nichts einfällt, das ich hätte schreiben können.
Ich presse also nicht, weil es hübsch aussieht oder weil es zu einer bestimmten Praxis dazugehört. Ich presse, weil mir manchmal die Worte fehlen und eine Blüte trotzdem sagt, dass etwas passiert ist. Das ist die eigentliche Korrektur an dem Irrtum: Ein Eintrag zählt nicht, weil er vollständig ist, sondern weil er ehrlich ist – und ehrlich ist manchmal ein einzelnes Blatt ohne jede Erklärung daneben.
Was eine gepresste Blüte sagen kann, wenn die Worte fehlen
An einem Abend im Online-Programm saß ich vor dem Laptop, die Verbindung ruckelte, und ich spürte einfach nichts, obwohl es um ein Thema ging, das mich eigentlich berühren sollte. Keine Tränen, kein Gefühl, nur Pixel auf dem Schirm. Am nächsten Tag im Laden habe ich mir ein Zweiglein Schleierkraut genommen, unscheinbar, fast wie Nebel, und es zwischen die Seiten gelegt. Kein Satz daneben. Nur die Notiz, dass an diesem Tag eben nichts kam – und dass das auch dazugehört.
Die Anemone hat bei mir eine andere Aufgabe. Ich nehme sie, wenn nach einer Sitzung für einen Moment etwas klarer wird als vorher – nicht als großer Durchbruch, eher als kleine Verschiebung, die sich schwer in Worte fassen lässt. Auch das ist ein Eintrag: keine Erklärung, nur eine Blüte, die für Klarheit steht, und das reicht mir.

Muss ein spirituelles Tagebuch jeden Tag geführt werden?
Nein. Bei mir vergehen manchmal mehrere Tage, an denen das Moleskine geschlossen auf dem Fensterbrett neben Zwetschge liegt, und das ist kein Rückschritt. Ein Tagebuch, das man sich selbst wie eine Pflicht auferlegt, wird schnell zu einer weiteren Aufgabe auf einer ohnehin langen Liste, und genau davor möchte ich warnen.
Im Online-Programm nennt die eine das Ahnenheilung, wenn sie sich mit den Vorfahren verbindet, die nächste spricht von Schattenarbeit, wenn plötzlich unterdrückte Gefühle hochkommen, wieder eine andere von energetischem Schutz, wenn es darum geht, sich überhaupt erst abzugrenzen. Manche beschäftigen sich mit der Huna-Lehre, andere mit der viel banaleren Frage, wie sich das alles zwischen Kundschaft, Kühlzelle und Lieferantenrechnung im ganz normalen Alltag unterbringen lässt. Was die eigentliche Trauerintegration angeht oder das Gefühl der inneren Leere, das nach einem Todesfall bleibt, schreibe ich an anderer Stelle ausführlicher – hier würde es den Rahmen sprengen.
Trude aus Freiburg, die seit meinem ersten Kursbericht kurze Briefe per E-Mail schickt, meditiert jeden Tag und würde trotzdem nie eine Trommel anfassen. Wir haben uns nie persönlich getroffen, und trotzdem ist ihr Weg für mich genauso gültig wie meiner mit Blüten und Klebstoff. In meinem Bericht über meine erste schamanische Reise für Anfänger habe ich schon einmal beschrieben, wie unterschiedlich sich das für jede anfühlen kann.
Bei einer anderen Übung sollte ich mich als kleines Mädchen im Garten sehen, spielend, unbeschwert. Ich sah stattdessen nur graue Fliesen und spürte Wut, die von nirgendwoher zu kommen schien. Ich habe abgebrochen, mir einen Tee gemacht und Zwetschge dabei zugesehen, wie sie eine Fliege jagte. Am nächsten Tag kam keine Blüte ins Buch, sondern ein dorniger Zweig ohne jede Blüte daran – mein Weg zu sagen, dass man nicht immer sofort bei Selbstliebe ankommt. Wer sich für die Heilung des inneren Kindes durch die Power of Love Online Ausbildung interessiert, sollte wissen, dass der Weg dahin oft erst durch Gestrüpp führt, bevor irgendeine Blumenwiese kommt.
Der monatliche schamanischen Frauenkreis in Worpswede ist noch mal ein anderer Rahmen als das Online-Programm – acht Frauen, eine Trommel, kein Zertifikat am Ende. Wer wissen will, wie sich das konkret anfühlt, findet dort mehr davon. Hier soll es nur um das Buch und die Blüten gehen.
Roswithas Kekse und andere Sprache ohne Worte
Roswitha kommt seit Jahren freitagvormittags in den Laden, und an schweren Tagen bringt sie selbst gebackene Schmalzkekse mit, ohne ein Wort darüber zu verlieren, warum. Genau das meine ich: Nicht jede Zuwendung braucht eine Erklärung, und nicht jeder Trost kommt als Satz. Neulich habe ich morgens die Jalousien hochgezogen und bin einfach stehen geblieben, weil das Licht so auf die Kupfereimer fiel, dass der ganze Laden für einen Moment schön aussah, ohne dass ich irgendetwas dafür getan hätte.
Die Regale an der Nordwand meines Ladens hängen leicht schief, seit ich sie kenne, und die Messingglocke über der Tür schlägt manchmal an, bevor überhaupt jemand hereinkommt. Hinten, hinter der beschlagenen Glastür zur Kühlzelle, stehen die Eimer, aus denen ich mir meine Blüten fürs Tagebuch hole, und der Boden aus den alten, ungleichmäßigen Kalksteinplatten macht jeden Stuhl am Bindetisch ein bisschen wackelig. Nichts davon ist besonders hübsch, und trotzdem ist es der Ort, an dem ich lerne, dass Bedeutung nicht immer laut sein muss.

Fang mit dem an, was gerade da ist
Wenn du selbst mit einem spirituellen Tagebuch anfangen willst, überspring die Frage, ob deine Sätze gut genug sind. Nimm stattdessen etwas Greifbares, wenn dir die Worte fehlen – einen Zweig vom Balkon, ein Blatt aus dem Park, ein Foto, ein Stück Stoff – und leg es zwischen zwei Seiten. Das zählt genauso als Eintrag wie drei durchdachte Absätze. Die einzige Regel, die ich nach dieser ganzen Zeit noch für richtig halte, ist: Ehrlichkeit vor Vollständigkeit.
Zwetschge schläft inzwischen wieder auf dem Fensterbrett, und mein Moleskine liegt geschlossen neben der Kasse. Es ist kein ordentliches Protokoll geworden, und das war nie der Plan. Es ist ein Ort, an dem manchmal ein Satz steht und manchmal nur eine Blüte, und beides ist gleich viel wert.
Diese Texte spiegeln meine ganz persönlichen Erfahrungen wider. Ich bin keine Ärztin oder Heilpraktikerin. Wenn du unter schweren seelischen Belastungen oder einer Depression leidest, suche dir bitte unbedingt professionelle Hilfe bei einem Arzt oder Psychotherapeuten. Ein spiritueller Kurs kann eine medizinische Behandlung niemals ersetzen.
Keine der Informationen auf dieser Website stellt eine medizinische, rechtliche oder finanzielle Beratung dar. Alle Inhalte basieren auf persönlicher Erfahrung. Wenden Sie sich an einen qualifizierten Fachmann für eine auf Ihre Situation zugeschnittene Beratung.