
Es ist Sonntagabend im Viertel, der Regen trommelt gegen das Küchenfenster und Zwetschge liegt wie ein schwerer, warmer Klumpen auf meinen Füßen. Ich habe die Messingglocke meines Ladens vor zwei Stunden das letzte Mal gehört, die schiefen Holzregale sind für heute verwaist. Jetzt sitze ich hier mit meinem Moleskine und streiche vorsichtig über eine getrocknete Ranunkel, die ich letzte Woche zwischen die Seiten gelegt habe.
Sie ist jetzt fast flach, ihre einst prallen, gelben Schichten sind nur noch ein zarter Hauch von Farbe. Ich mache das jetzt seit August 2024, seit diesem ersten Besuch in Worpswede. Es ist meine Art, Ordnung in das zu bringen, was ich im Kopf nicht sortiert bekomme. Ich schreibe nicht nur Worte. Ich ankere das, was ich in meiner schamanischen Ausbildung lerne, mit dem, was ich den ganzen Tag in den Händen halte: Erde, Wasser und Blüten.
Warum Worte manchmal nicht reichen
Als meine Mutter Ingrid im März 2024 starb, dachte ich, ich wüsste alles über Abschiede. Ich binde schließlich seit dreizehn Jahren Trauerkränze. Aber das Loch in mir war kein Kranz, den man einfach fertigstellt und abliefert. Es war ein leerer Raum. Wenn ich heute das Datum März 2024 oben auf eine Seite schreibe, spüre ich sofort diese vertraute Kälte in meinen Fingerspitzen, selbst wenn die alte Heizung hier in der Altbauwohnung ordentlich knackt und heizt.
Ich habe damals gemerkt, dass ich eine Brücke brauche. Etwas Physisches. In meinem A5-Notizbuch liegen inzwischen 26 getrocknete Blüten. Jede einzelne steht für einen Moment in einer Sitzung oder eine Übung, die mich besonders getroffen hat. Es ist ein stilles Herbarium meiner eigenen Heilung. Am Anfang waren es nur lose Zettel, aber heute ist es ein System, das mir hilft, nicht im Ungewissen zu ertrinken.
Ich bin keine Therapeutin und habe auch keine medizinische Ausbildung – ich bin einfach nur eine Frau, die versucht, den Verlust ihrer Mutter zu verarbeiten. Wenn es dir ähnlich geht und die Trauer dich lähmt, ist ein Hausarzt oder ein professioneller Psychotherapeut immer die erste Adresse. Mein Tagebuch ist nur mein persönlicher Anker, kein Ersatz für Hilfe.
Der Übergang in die digitale Welt
Seit Februar 2026 bin ich in diesem einjährigen Online-Programm. 85 Euro zahle ich dafür jeden Monat – ein Betrag, den ich mir eigentlich kaum leisten kann, wenn ich an die Miete für den Laden denke. Inzwischen habe ich 255 Euro investiert, und manchmal frage ich mich vor dem Laptop, was ich hier eigentlich mache. Es ist ein riesiger Kontrast: Auf dem Bildschirm sehe ich die anderen Frauen, höre die Trommeln durch die Lautsprecher, und in meinen Händen halte ich einen Stängel Eukalyptus.
Das Online-Format ist anstrengend. Es fehlt der Geruch von Beifuß, den wir im schamanischen Frauenkreis in Worpswede immer hatten. Aber genau deshalb ist das Pressen der Blumen so wichtig geworden. Wenn die Sitzung vorbei ist, gehe ich am nächsten Morgen in den Laden und suche mir die Pflanze aus, die das Gefühl am besten hält. Die Blume ist der Beweis, dass das, was digital passiert ist, in meiner physischen Welt angekommen ist.
Meine Methode: Blüten als energetische Anker
Es klingt vielleicht albern, aber ich glaube inzwischen, dass die Blumen nicht nur zur Zierde da sind. Eine Anemone steht bei mir für Klarheit. Wenn ich die getrockneten, fast durchsichtigen Blütenblätter einer Anemone unter meinem Daumen spüre, fühlt es sich an wie Pergamentpapier – dünn, verletzlich, aber beständig. So fühlt sich auch mein Wissen an, das ich mir mühsam erarbeite.
Hier ist, wie ich es mache:
- Die Auswahl: Ich nehme keine perfekten Blumen. Meistens sind es die Reste vom Bindetisch. Ein abgeknickter Stiel, ein Blatt, das niemand mehr kaufen würde.
- Das Pressen: Ich lege sie direkt zwischen die Seiten meines Moleskine. Keine schwere Presse, nur das Gewicht des Buches und der anderen Tagebücher im Regal.
- Die Geduld: Eine Ranunkel oder eine Anemone braucht etwa 3 Wochen, bis sie vollständig trocken ist. In dieser Zeit verändert sie sich. Sie schrumpft, sie verliert an Feuchtigkeit, sie wird fest.
Das ist der Punkt, den ich erst spät verstanden habe: Die Blumen unterstützen den Prozess des Loslassens gerade dadurch, dass sie biologisch vergehen. Sie sterben in Schönheit und hinterlassen eine Essenz. Das hat mir bei meiner Trauerbewältigung nach Ingrids Tod mehr geholfen als jedes kluge Buch. Zu sehen, dass etwas, das welkt, trotzdem noch einen Platz in meinem Buch haben darf, hat mein Bild von der Trauer verändert.
Der Moment der Wahrheit im März
Letzten Monat, es war Mitte März 2026, hatten wir eine Online-Sitzung zum Thema Ahnenarbeit. Ich saß hier am Küchentisch, Zwetschge starrte mich mit ihren grünen Augen an, und ich sollte eine Reise zu meinen Wurzeln machen. Ich habe abgebrochen. Es ging nicht. Ich sah nur dunkle Wände und spürte diesen Kloß im Hals, der mich seit Ingrids Diagnose im Januar 2024 begleitet.
Anstatt mich zu zwingen, habe ich das Laptop zugeklappt. Am nächsten Tag im Laden habe ich mir einen silbernen Eukalyptuszweig genommen. Er ist hart, fast störrisch. Ich habe ihn in mein Tagebuch gepresst, um diesen Widerstand zu markieren. Nicht jeder Abend im Kurs ist ein Durchbruch. Manchmal ist der Fortschritt einfach nur, dass man den Schmerz aushält, ohne wegzulaufen.
Ich weiß immer noch nicht, ob ich das alles jemals professionell machen werde. Ich glaube nicht, dass ich eine Heilerin bin. Aber wenn ich heute mein Moleskine aufschlage und die 26 botanischen Zeugen sehe, merke ich, dass sich etwas bewegt hat. Langsam. So langsam, wie eine Blume im Buch trocknet.
Es ist ein langer Weg, und oft fühlt es sich an, als würde ich einen Strauß binden, bei dem die Farben einfach nicht zusammenpassen wollen. Aber dann mache ich einen Schritt zurück, schließe das Buch und weiß: Für heute ist es gut so. Falls du dich fragst, warum ich trotz all der Zweifel und der Kosten weitermache, habe ich dazu schon mal meine Gedanken aufgeschrieben, warum ich trotz der hohen Kosten weitermache.
Es geht nicht um das Zertifikat am Ende. Es geht um die getrockneten Blütenblätter, die mir zeigen, dass ich noch da bin. Und Ingrid auch, auf eine ganz andere, flache und leise Art zwischen den Seiten.
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