
Kannst du einem Trommelschlag mehr vertrauen als einem ganzen Regal voller Bücher über Trauer? Ich stelle mir diese Frage öfter, als mir lieb ist, während ich in meinem kleinen Laden im Viertel die Pfingstrosen für den Tag entdorne. Die schamanische Ausbildung, in der ich gerade stecke, hat mit Floristik eigentlich nichts zu tun, und doch bringt sie mich jeden Tag als Floristin an den Bindetisch zurück, mit anderen Händen als vorher. Trauerarbeit, so viel weiß ich inzwischen, sieht selten aus wie ein Buch mit Kapiteln.
Bevor es weitergeht, kurz das Wichtigste: Ich bin keine Ärztin, keine Heilpraktikerin und keine Therapeutin, sondern Floristin, die seit dem Tod ihrer Mutter Ingrid im März 2024 versucht, mit der eigenen Leere klarzukommen. Bei ernsthaften psychischen Krisen gehört der erste Weg zum Hausarzt oder zu einer approbierten Psychotherapeutin, nicht in einen Frauenkreis. Und ja, dieser Text enthält Affiliate-Links, wenn du darüber einen Kurs buchst, bekomme ich eine Provision, ohne dass es für dich teurer wird.
Bücherstapel gegen Trommelschlag
Nach der Beerdigung habe ich erst einmal gelesen. Ratgeber, Erfahrungsberichte, alles, was mit Trauer im Titel stand, landete auf meinem Nachttisch, bis der Stapel so hoch war, dass er beim Umblättern kippte. Keines der Bücher hat je richtig gepasst -- die Sätze waren klug, aber sie blieben draußen vor mir stehen, wie jemand, der durchs Schaufenster schaut und nicht hereinkommt.
Seit Anfang 2025 fahre ich stattdessen einmal im Monat nach Worpswede, zu einem kleinen Frauenkreis mit Trommel und mehr Schweigen als Reden. Neben mir sitzt meistens Lore Ahlers, die von Anfang an dabei war -- eine ruhige Frau aus Verden an der Aller, die während der ganzen Sitzung kaum ein Wort sagt und danach umso mehr lacht, oft über irgendeine Kleinigkeit, die vorher gar nicht witzig war. Wir haben uns einmal auf der Rückfahrt in einem Nachbardorf verfahren und dabei mehr geredet als sonst in drei Sitzungen zusammen.
Was mich am Trommeln überrascht: Es erklärt nichts, es macht nur Platz. Bei der Reise selbst geht es für mich inzwischen kaum noch um das Reisen an sich -- eher darum, was bleibt, wenn man sie ein Dutzend Mal gemacht hat: eine Verschiebung, die sich nicht während der Trommel zeigt, sondern hinterher, am Bindetisch, wenn ich es am wenigsten erwarte. Genau das haben mir die Bücher nie gegeben.
POWER OF LOVE zieht in meinen Alltag ein
Im Februar 2026 kommt zu den Samstagen in Worpswede etwas Neues dazu: Ich melde mich für das einjährige Online-Programm POWER OF LOVE an, das mit den 13 Clanmüttern arbeitet. Rund 267 Euro im Monat gehen seitdem vom Ladenkonto ab, eine Summe, bei der ich jedes Mal kurz innehalte, wenn ich sie neben die Kasse vom Wochenende halte. Das ist kein Betrag, den man einfach so nebenbei bezahlt.

Trotzdem merke ich, wie sehr ich diese Struktur brauche. Ein Jahr lang begleitet zu werden, Monat für Monat, ist etwas anderes als ein einzelner Kreis im Moor -- es hilft mir, die innere Leere zu füllen, die nach Ingrids Tod so laut war, und zwar nicht mit Antworten, sondern mit Wiederholung. Ein Teil davon würde ich Trauerintegration nennen, auch wenn das Wort größer klingt als das, was tatsächlich passiert: Zweige binden, atmen, weitermachen.
Wenn morgens die Rosen entdornt werden, denke ich oft an die Lehren über Grenzen, manchmal auch an das, was im Kurs Ahnenheilung genannt wird -- an manchen Tagen nicht mehr als ein Gedanke zwischen zwei Schnitten, an anderen bindet er sich direkt in den Strauß. Letzte Woche kam eine Bestellung für ein Gesteck, bei der ich zwei Zweige Eukalyptus mit eingebunden habe, für die Reinigung, wie ich es inzwischen nenne. Ich glaube, die Bedeutung von Blumen in der Trauerfloristik hat für mich eine andere Tiefe bekommen, seit ich weiß, dass der Eukalyptus für mich auch eine Art energetischer Schutz ist, ganz ohne dass ich das früher so genannt hätte.
Was hilft, wenn eine Übung ins Leere läuft?
Nicht jede Sitzung bringt etwas, das sich sofort wie Fortschritt anfühlt. An einem Sonntagabend versuche ich eine Übung zur Ahnenverbindung, die im Kurs vorgeschlagen wird, und spüre -- nichts. Zwetschge schläft auf meinen Beinen ein, während ich noch mit geschlossenen Augen dasitze und warte. Irgendwann klappe ich das Moleskine zu, ziehe die Jacke über und laufe eine Runde durchs Schnoorviertel, nur um wieder Boden unter die Füße zu bekommen.
Anders war es auf der Rückfahrt vom Großmarkt neulich, die Kisten mit den nassen Stielen noch klappernd auf dem Rücksitz: Mir fiel auf, dass ich nicht wie sonst nach dem Telefon gegriffen hatte, um Ingrid von den Pfingstrosen zu erzählen -- und danach blieb es merkwürdig still in mir, nicht schmerzhaft, nur still. Kein großer Moment mit Trommelmusik im Hintergrund, eher ein Fenster, das sich einen Spalt geöffnet hat, ohne dass ich es bemerkt hätte, während es passierte.
Manchmal ist das, was hochkommt, auch eher Schattenarbeit als Trauer im engeren Sinn - Wut zum Beispiel, die ich mir vorher nie erlaubt habe, am wenigsten gegenüber meiner eigenen Mutter. Ich schreibe das hier auf, weil es unehrlich wäre, nur von den Momenten zu erzählen, die sich rund anfühlen.
Ob ich das Geld für POWER OF LOVE nicht besser gespart hätte, frage ich mich an solchen stillen Abenden trotzdem manchmal. Aber dann kommt wieder eine kleine Verschiebung im Laden, ein Kunde, der anders lächelt, ein Moment, in dem ich in der Hektik bei mir bleibe statt mich anstecken zu lassen, und ich weiß wieder, warum ich weitermache. Wer eher eine hawaiianische Energie sucht, für den ist vielleicht A TOUCH OF ALOHA der passendere Weg - die Huna-Lehre, auf der es aufbaut, spricht eine andere Sprache als die Clanmütter, wärmer vielleicht, aber auch weiter weg von meinem norddeutschen Alltag zwischen Regen und Blumeneimern. Wer nach einem Verlust eher Struktur und Wiederholung braucht, ist bei den Clanmüttern vermutlich richtiger aufgehoben; wer sich einen wärmeren, bildhafteren Rahmen wünscht, findet den vielleicht eher im hawaiianischen Programm. Keine Empfehlung, nur meine eigene Erfahrung, wie unterschiedlich sich zwei ähnliche Wege anfühlen können.

Gepresste Anemonen und ein Blick nach vorn
Am Nachmittag greife ich in den Eimer mit den Anemonen, und die Kälte des Wassers schneidet für einen Wimpernschlag durch die Finger, ein kleiner Schock, der mich für einen Moment ganz woanders hinreißt, weg vom Laden, irgendwo zwischen Worpswede und dem Sofa zu Hause. Genau eine dieser Anemonen presse ich abends zwischen die Seiten meines Moleskine. Über zwanzig getrocknete Blüten liegen inzwischen darin, jede für einen Moment, der mich getroffen hat. Wie das Prinzip dahinter genau funktioniert, erkläre ich lieber an anderer Stelle ausführlich -- hier reicht der Satz, dass diese eine Anemone für die Klarheit steht, die ich mir für die nächste Zeit wünsche.
Inke Glandorf sitzt an diesem Nachmittag einen Moment im Laden, wie sie es öfter tut, ohne viel zu sagen. Manchmal reicht es, dass jemand einfach da ist, während ich Stiele schneide.
Ich lerne gerade, dass spirituelle Entwicklung im Alltag nicht heißt, ständig über den Dingen zu schweben. Es heißt, mit nassen Händen am Bindetisch zu stehen und trotzdem zu merken, dass sich etwas verschiebt. Ich schreibe meine Power of Love Kurs Erfahrungen hier auch mit allen Zweifeln auf, weil halbe Wahrheiten niemandem helfen, der gerade selbst an so einem Anfang steht.
Gleich versorge ich noch die restlichen Pfingstrosen, bevor der Laden zumacht. Zwetschge wartet vermutlich schon auf dem Fensterbrett. Wenn du selbst gerade zwischen zwei Wegen stehst, einem mit Büchern und einem mit Trommeln, schreib mir gern, welcher sich für dich richtiger anfühlt.
Alles Liebe aus dem Viertel,
Helene
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