
Auf dem Bindetisch liegt eine einzelne Pfingstrose, die heute niemand kaufen wollte, der Kopf so schwer, dass er fast auf die Arbeitsplatte sinkt.
Bevor es hier um Trauerbewältigung geht und um das, was aus meiner persönlichen Erfahrung als Floristin und im Schamanismus Lernende tatsächlich trägt, kurz der übliche Hinweis: Dieser Text enthält Affiliate-Links, unter anderem zu einem Jahresprogramm, das ich selbst bezahle und gerade begleite - für dich ändert ein Klick am Preis nichts, mir bringt ein Kauf eine Provision. Ich bin keine Ärztin, keine Therapeutin, keine Heilpraktikerin. Wenn dich Trauer gerade erdrückt, ist der erste richtige Schritt dein Hausarzt oder eine approbierte Psychotherapeutin, nicht dieser Artikel.
Die ersten Tage nach dem Tod der Mutter brauchen keine Antworten, nur Halt
Ich binde seit langem Kränze für andere Familien, kenne die Trauerrituale in- und auswendig, und trotzdem war ich auf das, was nach dem Tod meiner Mutter Ingrid kam, nicht vorbereitet. Sie starb an Bauchspeicheldrüsenkrebs, nur wenige Wochen nach der Diagnose, und was danach kam, war kein gewöhnlicher Schmerz. Eher das Gefühl, dass ein ganzer Raum in mir leer geblieben war, ohne dass ich wusste, wie ich ihn wieder füllen sollte.
Mein erster Versuch, mit diesem leeren Raum umzugehen, war schlicht mehr Arbeit. Ich habe den Laden auch samstags bis in den frühen Abend offengehalten, in der Annahme, dass Beschäftigung den Schmerz verdrängt. Das hat nicht funktioniert - die Kundschaft kaufte weiter Tulpen und Rosen, meine Hände waren kälter als sonst vom vielen Wasser, und der leere Raum blieb trotzdem leer.
Eine Freundin von mir quiltet seit Jahren in einem kleinen Nähkreis hier im Viertel, und als ich ihr davon erzählte, sagte sie nur, dass gemeinsames Handwerk manchmal mehr hält als jedes Gespräch. Eine Stammkundin brachte mich stattdessen auf eine andere Spur: eine Einzelsitzung bei einer Schamanin in Worpswede, diesem kleinen Dorf im Teufelsmoor. Wie sich diese erste Sitzung angefühlt hat, fast wie festgefrorenes Wasser, das plötzlich wieder fließt, habe ich an anderer Stelle in einem Eintrag über meine erste schamanische Einzelsitzung beschrieben.

Trauer geht weiter oder bleibt stehen
Trauer selbst verändert sich, das erlebe ich jede Woche im Laden bei den Menschen, die Kränze bei mir bestellen. Sie wird leiser, bekommt Pausen, lässt irgendwann auch wieder Lachen zu, ohne dass der Verlust kleiner wird. Schwieriger wird es, wenn genau das nicht passiert: wenn eine Trauerreaktion mindestens ein halbes Jahr nach dem Verlust unverändert stark bleibt und Alltag, Arbeit oder Beziehungen spürbar einschränkt, wenn also die Sehnsucht nach der verstorbenen Person und der emotionale Schmerz noch genauso roh sind wie am Anfang. Das entspricht dem, was die ICD-11 als anhaltende Trauerstörung beschreibt, mit der Klassifikation 6B42. In diesem Fall ist der richtige nächste Schritt ein Hausarzt oder eine Psychotherapeutin, kein spiritueller Kurs, egal wie gut er sonst tut.
Woran du selbst merkst, dass sich bei dir eher das Erste verändert als das Zweite, lässt sich schwer in einer Liste zusammenfassen. Bei mir war es unter anderem so ein Moment: eine alte Schublade, eine Postkarte, die Ingrid mir vor Jahren geschrieben hatte, und dass ich zum ersten Mal ihre Handschrift lesen konnte, ohne den Blick abzuwenden. Kein großer Durchbruch, eher ein kleines Zeichen, dass der Schmerz nicht mehr die einzige Möglichkeit war, mit ihr in Verbindung zu bleiben.
Für die Trauer, die eben nicht in dieses klinische Bild passt, die einfach nur Zeit, Raum und Begleitung braucht, suche ich mir seit einiger Zeit einen strukturierten Rahmen außerhalb von Therapie. Ich bin selbst Teilnehmerin bei POWER OF LOVE, einem einjährigen Programm mit 13 Clanmüttern als Lehrerinnen, und genau dieses lange Format ist für mich der Punkt: keine schnelle Lösung, sondern ein Jahr, das Zeit lässt zum langsamen Ankommen.
Trauerintegration statt Trauerbewältigung
Bewältigung klingt nach einer Aufgabe, die irgendwann erledigt ist, wie eine Rechnung, die man begleicht. Trauerintegration meint etwas anderes: nicht, den Verlust hinter sich zu lassen, sondern ihm einen festen Platz im eigenen Leben zu geben, so wie ein getrockneter Eukalyptuszweig zwischen Buchseiten - er verändert sich, wird trockener und stiller, aber er verschwindet nicht, und irgendwann gehört er einfach dazu. Wer nur bewältigen will, kämpft gegen ein Gefühl, das gar nicht verschwinden soll. Wer integriert, richtet sich stattdessen in einer veränderten Wirklichkeit ein, in der die verstorbene Person fehlt und trotzdem noch da ist, nur auf eine andere Art.
Diese andere Art zeigt sich bei mir oft genau dort, wo vorher die innere Leere nach dem Todesfall am größten war - nicht, weil die Leere verschwunden wäre, sondern weil sich langsam etwas darin ansiedelt, das vorher keinen Platz hatte.
Wähle deine Begleitung mit Bedacht
Nicht jede Begleitung muss spirituell sein. Meine Freundin aus dem Nähkreis hätte mit einem Kurs wie meinem wahrscheinlich wenig anfangen können, und das ist in Ordnung - wichtig ist nicht die Form, sondern dass du überhaupt jemanden hast, mit dem die Hände etwas tun, während die Gedanken woanders sind.
Innerhalb des Frauenkreises in Worpswede laufen ganz unterschiedliche Wege nebeneinander her. Manche führen ein spirituelles Tagebuch und schreiben jeden Abend ein paar Zeilen, unabhängig von jedem Kurs. Andere arbeiten gezielt mit Ahnenheilung, sprechen also bewusst mit denen, die vor der eigenen Mutter gegangen sind, statt nur den einen Verlust zu betrauern. Wieder andere beginnen mit Schattenarbeit, weil der Tod eines Elternteils oft auch ganz andere, lange verdrängte Gefühle an die Oberfläche holt. Wer wie ich beruflich viel fremden Kummer auffängt, testet vielleicht zuerst energetischen Schutz, um nicht jede Trauer der Kundschaft mit nach Hause zu nehmen. Manche brauchen von alldem nichts weiter als eine Trommelreise, einmal im Monat. Wichtig ist am Ende nicht, welchen Zugang du wählst, sondern ob er sich in deinen ganz normalen Alltag einbauen lässt, zwischen Kundengesprächen und dem Wechseln des Wassers in den Eimern - diese Alltagsintegration entscheidet oft mehr über die Wirkung als die Methode selbst.

Bei mir ist es die Kombination aus POWER OF LOVE und der eigenen Arbeit mit Blumen, die trägt - die monatliche Ratenzahlung wirkt dabei fast wie ein Anker, der mich auch an müden Abenden drankleben lässt, wenn die Gelenke von den harten Stielen schmerzen. Wer selbst noch unsicher ist, wie viel Ritual er überhaupt braucht, findet vielleicht einen leichteren Einstieg zuerst über die eigene Trauerfloristik: Ich habe an anderer Stelle ausführlich über die Bedeutung der Blumen in der Trauerfloristik geschrieben, und das ist oft ein niedrigschwelligerer erster Schritt als gleich ein ganzes Jahresprogramm.
Wer einen ganz anderen kulturellen Rahmen sucht, findet ihn vielleicht eher in der Huna-Lehre, wie sie zum Beispiel in A TOUCH OF ALOHA vermittelt wird - dort geht es über hawaiianische Prinzipien der inneren Balance an dieselbe Frage heran, nur mit einem ganz anderen Klang und einer ganz anderen Bildsprache als die norddeutsche Erde, in der ich selbst am liebsten grabe.
Ein erster Schritt, der sich leisten lässt
Der erste Schritt muss kein Jahresprogramm sein. Manchmal reicht eine einzelne Blume, die du dir selbst kaufst, ohne Anlass. Manchmal reicht ein Abend, an dem du nichts leisten musst, außer dazusitzen. Wichtig ist nur, dass du ihn machst, bevor sich Tag um Tag derselbe leere Raum wiederholt.
Wenn diese Leere sich nach geraumer Zeit nicht verändert, wenn sie Arbeit, Beziehungen und Alltag spürbar lähmt, wende dich bitte an einen Hausarzt oder eine Psychotherapeutin - das ist kein Scheitern, sondern genau der nächste richtige Schritt, den ich mir auch selbst wünschen würde, sollte ich ihn einmal brauchen.
Ich lege die Pfingstrose vom Bindetisch heute Abend ins Moleskine und presse sie vorsichtig zwischen zwei Seiten. Morgen früh schneide ich wieder nasse Stiele an, ein kurzer, schräger Schnitt, der sich unter der Schere jedes Mal ein kleines bisschen wehrt, bevor er nachgibt, und ich tue es mit dem Wissen, dass unter der Erde etwas wächst, auch wenn man es noch nicht sehen kann.
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