
Es ist spät geworden heute Abend im Viertel. Draußen zieht der Bremer Nieselregen über das Kopfsteinpflaster, und drinnen im Laden ist es still, bis auf das leise Schnurren von Zwetschge, die sich auf einer alten Kiste neben dem Bindetisch zusammengerollt hat. Meine Hände sind eiskalt vom Blumenwasser – ein Gefühl, das ich seit 13 Jahren kenne, und doch fühlte es sich heute beim Binden eines Kranzes aus weißen Lilien seltsam fremd an. Ich stand da, die Messingglocke an der Tür blieb stumm, und plötzlich war da wieder dieser Moment, in dem die Routine des Handwerks an eine Grenze stößt, die ich früher nie gesehen habe.
Lange Zeit waren Blumen für mich in der Trauerfloristik genau das: Symbole, die man eben wählt. Die weiße Lilie für die Reinheit, die Rose für die Liebe, das Schleierkraut für die Leichtigkeit. Ich habe tausende Kränze gebunden, ohne zu ahnen, dass diese Pflanzen eine eigene Sprache sprechen, die weit über das hinausgeht, was wir in der Floristen-Lehre lernen. Erst seit ich im Februar mein strukturiertes Online-Programm begonnen habe und mich einmal im Monat in Worpswede mit dem Frauenkreis treffe, fange ich an, hinzuhören.
Wenn die Routine zerbricht
Nachdem meine Mutter Ingrid im März 2024 starb – nur sieben Wochen nach der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs –, veränderte sich alles. Ich dachte, ich wüsste, wie Trauer aussieht. Ich sehe sie jeden Tag im Laden. Aber als es meine eigene war, fühlten sich die schweren, weißen Lilien fast erstickend an. Sie waren so besetzt von der Erwartung, wie Abschied zu sein hat. In diesen Wochen nach Ostern saß ich oft abends hier und starrte auf die Reste am Boden. Ich bin keine Therapeutin und habe keinerlei medizinische Ausbildung, ich bin nur eine Frau, die mit Erde an den Fingern versucht, den Raum in sich zu verstehen, der seit Ingrids Tod leer steht. Wenn es dir ähnlich geht, ist ein Gespräch mit einem Hausarzt oder einem Psychotherapeuten immer der richtige erste Schritt – ich teile hier nur, wie mir die Pflanzen auf meinem ganz eigenen Weg helfen.
In meiner schamanischen Arbeit habe ich gelernt, dass Pflanzen Wesenheiten sind, nicht nur Dekorationsmaterial. Bei meiner ersten Einzelsitzung in Worpswede, für die ich damals 120 Euro bezahlte, ohne zu wissen, was mich erwartet, passierte etwas. Die Schamanin räucherte mit getrockneten Kräutern, und zum ersten Mal seit Wochen konnte ich tief durchatmen. Dieses Gefühl nehme ich jetzt mit in den Laden. Wenn ich heute Trauergebinde fertige, frage ich mich nicht mehr nur: Was sieht gut aus? Ich versuche zu spüren, welche Energie die Hinterbliebenen brauchen.
Die Heilkraft des Unpassenden
Ein Gedanke, der mich in diesem zweiten Monat meiner Ausbildung besonders begleitet, ist die Idee der intuitiven Pflanzenwahl. Oft kommen Kunden und verlangen das Klassische. Aber manchmal schlägt mein Herz für etwas ganz anderes. Letzte Woche kam eine junge Frau, die ihren Vater verloren hatte. Sie wollte rote Rosen. Aber während wir sprachen, blieben meine Augen immer wieder an den wilden, fast struppigen Anemonen hängen.
Ich glaube inzwischen, dass die intuitive Wahl von scheinbar unpassenden Blumen oft eine verdrängte, heilende Wahrheit offenbart. Rosen stehen oft für eine perfekte Liebe, die es so vielleicht gar nicht gab. Die Anemone hingegen, mit ihrem dunklen Kern und den zarten Blättern, die beim kleinsten Windhauch zittern, erzählt von der Zerbrechlichkeit und der Ehrlichkeit des Schmerzes. Wir haben uns am Ende für eine Mischung entschieden, die fast ein bisschen unordentlich wirkte – und sie weinte, weil es sich zum ersten Mal richtig anfühlte. Über solche Entdeckungen schreibe ich oft in mein spirituelles Tagebuch mit den gepressten Blumen, das ich jeden Sonntagabend in meiner Altbauwohnung führe.
Klebriges Harz und leise Erkenntnisse
Es gibt Momente, da klappt die Verbindung nicht. Letzten Samstag im Kurs sollten wir eine Trommelreise machen, um uns mit dem Geist einer Pflanze zu verbinden. Ich saß da, hörte das gleichmäßige Schlagen der Trommel, aber in meinem Kopf war nur die To-do-Liste für den Muttertag. Kein Bild, keine Botschaft, nur die Leere. Das ist der Teil, den man in den schönen Instagram-Posts nie sieht: Dass Heilung und spirituelle Entwicklung oft verdammt unglamourös sind und man sich manchmal einfach nur albern vorkommt.
An solchen Tagen hilft mir das Konkrete. Das klebrige Gefühl von Eukalyptusharz an den Fingerspitzen, das sich auch nach dreimaligem Waschen nicht ganz lösen lässt, erdet mich. Der Eukalyptus ist für mich ein Begleiter für die harten Wochen geworden. Er ist zäh, er riecht streng und reinigend, und er verzeiht vieles. Wenn ich eine solche Zweig-Spitze in mein A5 Moleskine presse, ist das wie ein Anker. Ich merke dann, dass ich energetische Heilung lernen will, ohne selbst eine Heilerin zu sein – ich möchte einfach nur verstehen, wie ich diese Kraft in meine tägliche Arbeit mit den Blumen einfließen lassen kann.
Was die Blumen mir heute sagen
Wenn ich heute einen Kranz binde, sehe ich die Schichten. Die Basis aus Moos und Zweigen ist wie die Ahnenarbeit, die wir im Kreis besprechen – das Fundament, das uns trägt, auch wenn es im Verborgenen liegt. Die Blüten sind die flüchtigen Momente der Freude und des Schmerzes.
- Die Pfingstrose: Sie steht für die großen, überbordenden Momente der Trauer, die fast zu viel Raum einnehmen, bevor sie sich langsam öffnen.
- Die Anemone: Sie schenkt mir Klarheit an Tagen, an denen alles vernebelt scheint.
- Der Eukalyptus: Er ist der Schutzraum, wenn die Welt draußen zu laut wird.
Ein plötzliches Engegefühl in der Brust überfällt mich immer noch manchmal, wenn das Telefon im Laden klingelt und ich für einen Bruchteil einer Sekunde denke, es sei das Krankenhaus – obwohl Ingrid schon über zwei Jahre nicht mehr da ist. Aber dann berühre ich die kühlen Blätter einer Pfingstrose und atme tief ein. Ich nenne es meine alberne Methode, aber ohne die gepresste Anemone zwischen den Seiten meines Notizbuchs fühlt sich der Sonntagabend unvollständig an. Es ist mein Weg, die Leere in mir nicht zu füllen, sondern ihr zu erlauben, ein atmender Raum zu sein. Heilung geschieht so langsam wie das Trocknen einer Blume zwischen Papierseiten: Man sieht den Fortschritt erst, wenn man Wochen später wieder nachschaut.
Vielleicht ist das die wichtigste Lektion, die mir die Arbeit im Laden und die schamanische Reise bisher gelehrt haben: Wir müssen die Blumen nicht zwingen zu blühen. Wir müssen nur den Raum halten, in dem sie es können.
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