Das Bluetentagebuch

Bedeutung von Blumen in der Trauerfloristik und was sie mir heute sagen

Eine Lilie steht für Reinheit – das lernt man in der Trauerfloristik am ersten Ausbildungstag. Eine Anemone dagegen stellt mir eine Frage, für die ich in dreizehn Berufsjahren nie eine Kundin gebraucht habe, um sie zu beantworten. Fünf Wochen bin ich jetzt in meiner spirituellen Ausbildung, einem einjährigen Online-Programm für schamanische Arbeit, und die Pflanzensymbolik, mit der ich mein ganzes Leben im Bremer Viertel arbeite, fühlt sich gerade komplett neu an. Selbstheilung, das Wort mag ich eigentlich nicht besonders, es klingt nach einer Liste zum Abhaken. Aber etwas in mir heilt, langsam, mit Blumen als einer Art Übersetzung.

Meine Mutter Ingrid starb im März 2024, sieben Wochen nach der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs – und mit ihr verschwand nicht nur ein Mensch, sondern auch meine Gewissheit, als Floristin zu wissen, wie man mit Verlust umgeht. Ich binde seit Jahren Trauerkränze und weiß genau, welche Blume auf welchem Sarg liegt. Was ich nicht wusste: was mit dem Raum passiert, der in einem selbst leer bleibt. Wenn dich das Gleiche beschäftigt, geh bitte zuerst zu deinem Hausarzt oder einer approbierten Psychotherapeutin – ich schreibe hier nur auf, was mir persönlich hilft, nicht was du tun solltest.

Trauerfloristik zwischen Etikett und Wesen

Dreizehn Jahre lang habe ich Pflanzen wie Vokabeln behandelt: Rose gleich Liebe, Schleierkraut gleich Leichtigkeit, Lilie gleich Reinheit. Kundinnen bestellen nach diesem Wörterbuch, und ich habe es ihnen nie ausgeredet, weil es funktioniert – bis es das an einem Sarg nicht mehr tut, der die eigene Mutter trägt.

Im Frauenkreis in Worpswede, wo ich seit Anfang letzten Jahres einmal im Monat sitze, höre ich zum ersten Mal, dass eine Pflanze auch etwas will, nicht nur etwas bedeutet. Trommel, Rauchbündel, eine Runde stiller Frauen auf Klappstühlen: kein Zertifikat, kein Lehrplan, nur diese eine Behauptung, die sich seitdem nicht mehr aus meinem Kopf löst, dass die Anemone vor mir auf dem Bindetisch mehr über eine Trauer weiß als ich.

Wenn eine Kundin nach einem Mutterstrauß fragt

Neulich kommt eine Frau herein und bittet um einen Mutterstrauß, einfach so, ohne weitere Erklärung. Normalerweise frage ich in solchen Fällen schnell nach Farbe und Budget und binde in wenigen Minuten. Diesmal lasse ich das Gespräch viel länger laufen als sonst, und irgendwann erzählt sie von ihrer Mutter, die seit einem Jahr in einem Heim in der Nähe lebt und sie manchmal nicht mehr erkennt. Am Ende zeigt sie nicht auf die Rosen, sondern auf die Anemonen, weil die zerbrechlich aussehen und trotzdem stehen.

Eine Nachbarin aus dem Viertel, die seit Jahren in einem kleinen Nähkreis quiltet, meinte letzte Woche, dass sie ihre Decken genauso baut wie ich meine Kränze – Stück für Stück, ohne vorher zu wissen, ob die Farben am Ende zusammenpassen. Am Samstag stehe ich selbst kurz auf dem Wochenmarkt am Domshof und kaufe mir ein Bündel Anemonen, keine Bestellung, kein Kunde, nur für mich – und merke, wie ungewohnt sich das noch anfühlt, Blumen zu kaufen, die niemandem gehören außer mir.

Der Sonntagabend mit dem Moleskine

Sonntags, wenn der Laden zu ist, schreibe ich zwei Seiten in mein spirituelles Tagebuch mit den gepressten Blumen, manchmal auch nur drei Sätze, wenn die Woche zu voll war für mehr. Diesmal presse ich eine der neuen Anemonen zwischen die Seiten, wegen der Kundin mit dem Mutterstrauß, und als ich das Buch danach zuklappe, raschelt der Einband in der Stille so laut, dass Zwetschge kurz die Ohren hebt.

Im Frauenkreis fallen in diesen Wochen viele Wörter, die ich noch nicht richtig sortiert habe: Ahnenheilung, wenn wir über die Frauen vor uns sprechen; Erdung, wenn jemand zu schnell aus einer Trommelreise zurückkommt; Schattenarbeit, für die Gefühle, die man lieber wegschieben würde; energetischer Schutz, weil ich als Floristin jeden Tag fremde Trauer durch die Hände gehen lasse. Einmal wird kurz die Huna-Lehre erwähnt, ein hawaiianischer Zweig mit eigenen Regeln, aber wir bleiben nicht lange dabei. Genauso wenig wie ich systematisch meine Hellsinne trainiere oder gezielt an einer Herzöffnung arbeite – das sind Wörter, die im Kreis fallen, nicht Übungen, die ich zu Hause abhake. Was mich mehr beschäftigt, ist die schamanische Reise selbst, dieses Bild-um-Bild-Eintauchen zur Trommel, und wie langsam sich das anfühlt im Vergleich zu dem, was ich über energetische Heilung lernen möchte, ohne selbst eine Heilerin zu sein.

Mehr arbeiten hat nicht geholfen

Nach der Beerdigung, im März, probiere ich das Naheliegende: mehr arbeiten. Ich lasse den Laden samstags bis sieben offen, obwohl sonst um vier Schluss ist – beschäftigte Hände sollen besser sein als ein leeres Wohnzimmer.

Ein paar Wochenenden lang. Dann höre ich auf, weil die Kasse zufrieden ist und der Raum in mir trotzdem derselbe bleibt, nur müder.

Den Raum halten, nicht ihn füllen

Manchmal berühre ich beim Binden die kühlen Blätter einer Pfingstrose, wenn im Laden das Telefon klingelt und für eine Sekunde wieder dieser alte Reflex kommt, es könnte das Krankenhaus sein, obwohl Ingrid seit über zwei Jahren nicht mehr da ist. Die Pfingstrose braucht Tage, um sich vollständig zu öffnen, und wenn man sie zu früh aufbricht, tut sie es gar nicht erst.

Genau das nehme ich aus dieser fünften Woche mit, mehr als aus jeder einzelnen Übung im Kreis: dass ein Gespräch, ein Trauerjahr oder eine Ausbildung sich nicht abkürzen lässt, nur weil das Warten unbequem ist. Die Kundin mit dem Mutterstrauß hätte in wenigen Minuten fertig sein können. Stattdessen dauert es viel länger, und genau diese zusätzliche Zeit war das, was gezählt hat.

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