
Es ist Dienstagabend, kurz nach Ladenschluss. Im Laden riecht es nach feuchten Nelken und dem schweren, erdigen Duft von angeschnittenen Stielen – ein Geruch, der mich heute seltsam hart an die Stille nach Ingrids Beerdigung erinnert hat. Ich stand am Bindetisch, die Messingglocke an der Tür blieb stumm, und plötzlich war da dieser Drang, einen Raum zu finden, der nicht nach Kundenwünschen oder Friedhofskränzen riecht. Ein Raum, der nur mir gehört, oder vielleicht auch niemandem.
Seit Februar bin ich nun in diesem strukturierten Online-Programm, und wir sind mitten im zweiten Modul. Es geht um das Konzept von Mana und das Finden von heiligen Plätzen. Ich sitze dann abends hier in meiner Altbauwohnung im Viertel, Zwetschge schnurrt auf dem Fensterbrett, und ich versuche zu begreifen, wie ich diese weiten energetischen Räume finden soll, während ich eigentlich nur den Staub auf meinen schiefen Holzregalen sehe. Manchmal komme ich mir wie eine Betrügerin vor, wenn ich in den Zoom-Calls über Schwingungen spreche, während ich noch den Dreck von den Ranunkeln unter den Fingernägeln habe.
Die Suche nach dem Mana im Teufelsmoor
In der Ausbildung sprechen wir viel über Mana – diese Lebenskraft, die an bestimmten Orten konzentrierter sein soll als an anderen. Ende Mai bin ich an einem Samstagmorgen raus nach Worpswede gefahren. Nicht zu unserem Frauenkreis, sondern allein. Ich wollte meinen eigenen Kraftort finden. Die Theorie klingt so einfach: Geh in die Natur, spüre die Resonanz, verbinde dich. In der Realität stand ich mit meinen Gummistiefeln im Matsch des Teufelsmoors, der Nebel kroch mir in den Nacken, und ich versuchte krampfhaft, die Atemtechniken aus dem Kurs anzuwenden.

Es passierte: nichts. Mein Kopf ratterte die Bestellliste für die nächste Woche durch – wie viele Pfingstrosen brauche ich für die Hochzeit am Freitag? Reicht das Schleierkraut? Ich fühlte mich taub. Die Natur war einfach nur nass und grau. Ich glaube, das ist der Punkt, an dem viele aufgeben. Wir erwarten ein Feuerwerk, einen Engel, der vom Himmel steigt, oder zumindest ein warmes Kribbeln im Herzchakra. Aber oft ist da erst mal nur die eigene Ungeduld und die Kälte der nassen Socken. Ich habe nach einer Stunde abgebrochen und mich weinend ins Auto gesetzt. Es fühlte sich an wie ein Scheitern, als hätte ich den Zugang zu dieser Welt seit dem Tod meiner Mutter im März 2024 endgültig verloren.
Die Birke und die Hände meiner Mutter
Ein paar Wochen später, Mitte Juni, bin ich wieder hingefahren. Diesmal ohne Erwartung, eher aus Trotz. Und da stand sie: eine alte, völlig verknotete Birke am Rand eines Entwässerungsgrabens. Sie war nicht schön im klassischen Sinn. Sie war krumm, die Rinde war aufgerissen, fast wie die Hände meiner Mutter nach den sieben Wochen Krankheit – gezeichnet, aber immer noch da. In diesem Moment habe ich verstanden, dass ein Kraftort kein Postkartenmotiv sein muss. Er muss eine Resonanz in mir auslösen.
Wahre energetische Resonanz wird oft nicht im Außen gefunden, sondern durch das bewusste Dekonstruieren der eigenen Erwartung erzeugt. Ich hatte nach Schönheit gesucht, aber ich brauchte Widerstandskraft. Ich habe mich an den Stamm gelehnt und zum ersten Mal seit Monaten gespürt, dass etwas in mir weich wurde. Es war kein magischer Blitzschlag, eher ein langsames Sinken. Ich habe dort gesessen und einfach nur geatmet, bis der metallische Nachklang der Ladenglocke in meinem Kopf endlich leiser wurde. In mein Moleskine habe ich an diesem Abend nur drei Sätze geschrieben: Die Kraft liegt nicht im Glanz. Sie liegt im Halten. Am nächsten Tag habe ich eine wilde Malve aus dem Moor zwischen die Seiten gepresst. Es war die einundzwanzigste Blüte in meinem Buch.

Wie du deinen eigenen Ort erkennst
Wenn du selbst suchst, lass die Ratgeber über Kraftorte erst mal im Regal stehen. Es geht nicht darum, wohin alle anderen pilgern. Ein Kraftort kann ein hässlicher Hinterhof sein, wenn dort ein Lichtstrahl so fällt, dass er etwas in dir berührt. Achte auf deinen Körper, nicht auf deine Visionen. Wird dein Atem tiefer? Entspannen sich deine Schultern, die vom Binden schwerer Sträuße oft so fest sind? Das ist dein Mana-Indikator.
- Suche Orte auf, die einen Kontrast zu deinem Alltag bilden.
- Bleibe länger, als dein Verstand es für sinnvoll hält (die ersten 20 Minuten sind meistens nur Ego-Geplapper).
- Nimm ein Element des Ortes wahr – den Geruch von moderndem Holz, das Geräusch des Windes in den Blättern eines Eukalyptusbaums, die Kühle eines Steins.
Manchmal hilft es auch, sich vorher bewusst zu machen, was man eigentlich loslassen will. Ich merke oft, dass ich erst vom Kopf ins Herz kommen muss, bevor die Natur überhaupt zu mir sprechen kann. Wenn ich vollgestopft bin mit Sorgen um die Ladenmiete oder die Trauer um Ingrid, ist kein Platz für die Energie des Ortes.
Das Küchenfenster als heiliger Raum
An einem verregneten Samstag im Juli saß ich in meiner Küche. Draußen peitschte der Bremer Regen gegen die Scheiben, und Zwetschge starrte mit ihren bernsteinfarbenen Augen auf die nassen Dächer des Viertels. Ich hatte eigentlich geplant, wieder ins Moor zu fahren, aber ich war zu müde. Also zündete ich ein kleines Rauchbündel an, das wir im Kurs besprochen hatten, und blieb einfach sitzen.

In diesem Moment wurde mir klar, dass ich die Stille aus dem Moor mitgenommen hatte. Mein Kraftort war nicht mehr nur die krumme Birke in Worpswede – mein Küchenfenster war es auch geworden. Ich habe gelernt, dass wir Kraftorte nicht nur finden, sondern sie auch energetisch aufladen, indem wir immer wieder mit der gleichen Absicht dorthin zurückkehren. Es ist wie beim Binden eines Straußes: Man fängt mit ein paar grünen Zweigen an, und erst durch das Hinzufügen von Schicht um Schicht entsteht die Tiefe. Ich bin keine Heilerin und sicher keine Schamanin, ich bin eine Floristin, die versucht, nicht zu ertrinken. Aber an diesem Fenster, mit der Katze und dem Regen, fühlte ich mich zum ersten Mal seit März 2024 wieder ganz.
Natürlich ersetzt so eine Erfahrung keine Therapie. Wenn die Trauer mich völlig erdrückt, weiß ich, dass ich professionelle Hilfe brauche – das sage ich auch den Frauen in unserem Kreis immer wieder. Ein Online-Programm oder ein Baum im Moor sind Werkzeuge, keine medizinischen Wunderheiler. Aber sie helfen mir, die Verbindung zu mir selbst nicht zu verlieren. Inzwischen schärfe ich meine Wahrnehmung fast täglich, fast so wie ich meine Hellsinne im Alltag trainiere, während ich Rosen dornenfrei mache oder Kunden berate.
Morgen ist wieder Montag. Ich werde im Laden stehen, die Messingglocke wird läuten, und ich werde Anemonen für Klarheit in die Vasen stellen. Aber in meinem Kopf werde ich kurz an die krumme Birke denken und an das Mana, das ich von dort mitgebracht habe. Vielleicht ist das das eigentliche Geheimnis: Ein Kraftort ist kein Ziel, an dem man ankommt. Er ist eine Resonanz, die man in sich trägt, bis man sie überall finden kann – sogar zwischen Eimern voll Blumenwasser in einem schmalen Altbau-Laden in Bremen.
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