
Manche Handschrift erkenne ich, bevor ich das erste Wort gelesen habe. Ingrids alte Postkarten liegen seit Jahren in einer Schublade unter der Ladenkasse, zwischen Rechnungen und losen Bindedrähten, und wenn ich jetzt eine in die Hand nehme, lese ich die krakelige Schrift, ohne wegzusehen. Genau darum geht es, wenn im Onlineprogramm von Hellsinnen die Rede ist – nicht um Kristallkugeln, sondern um das, was Hände und Augen oft schon wissen, bevor der Kopf hinterherkommt.
Hinweis vorab, weil das hierhergehört: Ich schreibe über eigene Erfahrungen und über die Kurse, die ich selbst bezahle, aktuell vor allem das Jahresprogramm Power of Love. Bucht jemand über einen Link in diesem Text etwas, bekomme ich eine Provision, dein Preis bleibt davon unberührt. Ich bin weder Ärztin noch Rechtsberaterin, und nichts von dem hier ersetzt eine fachliche Beratung.
Hellsinne: Was das für eine Floristin ohne Glaskugel bedeutet
Seit 13 Jahren stehe ich jeden Tag mit den Händen in Wasser und Erde, in einem schmalen Altbau-Laden im Viertel, dessen Regale nie ganz gerade standen, seit ich sie zum ersten Mal gestrichen habe. Hellsinne ist der Sammelbegriff für das, was über die fünf gewöhnlichen Sinne hinausgeht – Hellsehen, Hellhören, Hellfühlen, Hellwissen. Als ich den Begriff zum ersten Mal gehört habe, klang das für mich nach Jahrmarktbude. Heute verstehe ich es als etwas sehr Bodenständiges.
Greifen meine Hände am Bindetisch nach dem einen welken Stiel, den meine Augen noch gar nicht registriert haben, ist das im Kern schon Hellfühlen – nur eben ohne Räucherstäbchen und Kerzenlicht. Bevor überhaupt etwas wahrgenommen werden kann, brauche ich allerdings energetischen Schutz, sonst sauge ich jede Stimmung im Laden auf wie ein nasser Schwamm. Und ohne Erdung, ohne das Gefühl von Boden unter den Füßen, macht mich jede stärkere Wahrnehmung eher schwindlig als klar.
Ich habe lange nach Zeichen von Verstorbenen im Alltag meines Blumenladens gesucht, ohne zu merken, dass meine Wahrnehmung vor lauter Stress viel zu stumpf dafür war. Man empfängt nichts, wenn man innerlich wie eine verhärtete Tulpenzwiebel ist.

Alles aussprechen oder einfach nur wahrnehmen – was hilft wirklich?
Zwei Menschen aus meinem Alltag zeigen mir, wie unterschiedlich das wirken kann – die eine im Laden, die andere nur über E-Mails, die ich bis heute nicht persönlich kenne. Beide haben mir mehr über Hellsinne beigebracht als so manche Übung im Programm.
Roswitha hört, ohne zu fragen
Roswitha Feddersen, eine alte Stammkundin, die längst eine Freundin geworden ist, kommt seit zwölf Jahren fast jeden Freitagvormittag in den Laden. Sie fragt selten viel. Kurz nach Ingrids Beerdigung hat sie mir wortlos einen gefalteten Zettel in die Hand gedrückt, nur ein Name drauf, sonst nichts – der Name der Schamanin in Worpswede, von der ich bis dahin nie gehört hatte.
Gefragt hat sie mich damals nicht, wie es mir geht. Gehört hat sie trotzdem, was ich in den Wochen davor nicht ausgesprochen habe, und danach gehandelt.
Reden zieht manchmal eine Wand hoch statt Nähe
Bei meiner Schwester lief es umgekehrt. Ich habe ihr einmal alles erzählt, was ich fühlte, jedes Detail, ungefiltert – und danach wochenlang nicht angerufen, weil das Gespräch mir hinterher wie zu viel vorkam und nichts wirklich leichter gemacht hat.
Reden kann verbinden. Es kann genauso gut eine Wand hochziehen, wenn es vor allem der eigenen Erleichterung dient und nicht wirklich dem Gegenüber.
Trude schreibt drei Sätze, die treffen
Trude Warnecke hat sich gemeldet, nachdem ich meinen ersten Kursbericht veröffentlicht hatte. Wir kennen uns nur aus E-Mails, nie persönlich getroffen, und trotzdem trifft das, was sie schreibt, oft genau den Punkt – drei Sätze, keine Ausschmückung, und ich lese sie meistens zweimal, weil jedes Wort sitzt.
Sie hat vor drei Jahren ihren Mann verloren und ist aus einem ähnlich spontanen Impuls in dasselbe Programm eingestiegen wie ich. Bei ihr zeigt sich das Gegenteil von endlosem Reden: wahrnehmen, kurz benennen, fertig.

Schutz statt Naivität: Was Herzöffnung für mich bedeutet
Herzöffnung heißt für mich längst auch, wählen zu dürfen, was ich zeige und was ich für mich behalte – das ist eine Form von Herzöffnung für Anfänger, die nichts mit Naivität zu tun hat, sondern mit Schutz. Manchmal ist Wahrnehmen auch eine Art Schattenarbeit: hinschauen auf das, was ich sonst lieber wegschieben würde, statt es sofort in Worte zu packen. In der Huna-Lehre, die im Programm immer wieder auftaucht, heißt es sinngemäß, dass Energie dorthin geht, wohin die Aufmerksamkeit geht – ein Satz, den ich mir seither öfter ins Gedächtnis rufe, bevor ich rede.
Mein Grundsatz: wann Worte helfen, wann Wahrnehmen reicht
Diese Woche war wieder Trommelreise in der Scheune in Worpswede, acht Frauen im Kreis, und der Ton kommt bei mir immer zuerst im Rücken an, einen Wimpernschlag vor dem Klang in den Ohren. Was davon übrig bleibt, wandert abends ins Tagebuch, manchmal nur eine gepresste Blüte und drei Zeilen darunter.

Zwetschge schläft meistens direkt daneben, unbeeindruckt von alldem, während draußen der Regen gegen die Scheibe im Viertel läuft.
Der leere Raum, der nach Ingrids Tod in mir entstanden ist, füllt sich dadurch nicht auf einen Schlag – das ist ein langsamerer Vorgang, den ich nicht beschleunigen kann, so sehr ich es mir manchmal wünsche. Ahnenarbeit gehört inzwischen fest dazu, auch wenn ich längst nicht immer weiß, was genau ich mit Ingrid noch klären will. Wie Trauer sich über Monate hinweg wirklich in den Alltag einfügt, ist eine eigene, viel längere Geschichte, die hier keinen Platz hat.
Ich bin keine Heilerin und keine Therapeutin. Wenn dich Trauer oder Sensibilität gerade komplett überwältigt, sprich bitte mit deinem Hausarzt oder einer approbierten Psychotherapeutin – ein Onlineprogramm ersetzt das nicht.
Wahrnehmung zu trainieren bedeutet für mich vor allem, sie in den ganz normalen Werktag im Laden einzubauen, zwischen Kundengesprächen und nassen Stielen, nicht in eine gesonderte Übungsstunde für sich. Wie die Power of Love Übungen mir bei Erschöpfung helfen, hängt für mich genau damit zusammen: weniger Kraft für Erklärungen, mehr für das genaue Hinschauen.
Für mich bleibt ein einfacher Grundsatz stehen: Ich rede, wenn mein Gegenüber etwas braucht, das nur durch offene Worte ankommt. Ich schweige und nehme wahr, wenn das Reden vor allem meiner eigenen Erleichterung dienen würde. Roswithas Zettel hat mehr bewegt als so manches lange Gespräch, in dem ich mich eigentlich nur rechtfertigen wollte, und Trudes drei Sätze treffen öfter als meine eigenen langen E-Mails.
Wenn du selbst gerade nicht weißt, ob reden oder erst einmal nur wahrnehmen dran ist, schau dir in Ruhe an, wie sich das Programm von Thomas Young anfühlt, ohne Druck und ohne Frist. Die zuletzt gepresste Pfingstrose liegt inzwischen flach zwischen den Seiten, aber ihre Farbe bleibt, genau wie das, was Roswitha und Trude mir gezeigt haben.
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