
Es ist spät geworden im Laden. Draußen vor dem Fenster im Viertel peitscht ein warmer Sommerregen gegen die Scheiben, und hier drinnen hängt der schwere, fast betäubende Duft von welkenden Lilien in der Luft. Ich stand vorhin am Bindetisch und meine Hände wussten es, bevor meine Augen es sahen: Sie griffen zielsicher nach den Stielen, die ihre Kraft verloren hatten, schnitten braune Ränder weg, noch bevor ich sie bewusst registriert hatte. Es war, als hätten meine Fingerspitzen eigene Augen bekommen.
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Wenn die Stille zu laut wird: Warum ich meine Wahrnehmung überhaupt schärfen wollte
Seit meine Mutter Ingrid im März 2024 gestorben ist – so furchtbar schnell, nur sieben Wochen nach der Diagnose –, ist es in mir drin seltsam still geworden. Aber keine friedliche Stille. Eher ein leerer Raum, in dem jedes Geräusch hallt. Ich dachte immer, ich wüsste, wie Trauer geht. Ich binde schließlich seit 13 Jahren Kränze in meinem Laden hier in Bremen, ich kenne die Rituale. Aber als es meine eigene Mutter war, halfen mir die Kraenze nicht mehr.
Ich suchte nach etwas, das über das Sichtbare hinausgeht. Zuerst war da nur dieser eine Besuch in Worpswede bei der Schamanin im August 2024. Und jetzt, seit Februar 2026, stecke ich mitten in diesem einjährigen Online-Programm, dem /ref/power-of-love, für das ich jeden Monat einen Betrag überweise, der eigentlich eher in das Abschleifen meiner schiefen Holzregale fließen sollte. Aber was nützen schöne Regale, wenn man sich im eigenen Körper nicht mehr zu Hause fühlt? Ich lerne dort gerade, meine Hellsinne zu trainieren – ein Begriff, der für mich anfangs nach Jahrmarkt und Glaskugel klang, der sich aber für mich als Floristin ganz anders anfühlt.

Hellsehen oder Kopfschmerzen? Meine kläglichen Versuche mit der Auren-Sicht
Man stellt sich das ja so magisch vor. Man macht die Augen auf und plötzlich leuchten die Menschen in bunten Farben. In einer der ersten Übungen im Programm ging es darum, die Aura von Pflanzen wahrzunehmen. Ich saß also eines Morgens im April – draußen war es grau und ungemütlich – vor einer einzelnen Rose und starrte sie an. Bestimmt zwanzig Minuten lang. Ich habe die Augen zusammengekniffen, den Fokus verändert, fast schon meditiert.
Das Ergebnis? Ich habe keine Aura gesehen. Ich habe nur furchtbare Kopfschmerzen bekommen, weil ich so verkrampft war. Das ist der Moment, in dem ich mich oft frage, ob ich das alles nur träume. Aber dann erinnerte ich mich an das, was wir über die 13 Clanmütter gelernt haben – diese weiblichen Weisheitshüterinnen, die das Programm begleiten. Es geht nicht um das Erzwingen. Es geht um das Weichwerden. Als Floristin bin ich es gewohnt, zuzupacken, Drähte zu biegen, Widerstände zu brechen. Aber Hellsinne trainieren bedeutet für mich als Anfängerin vor allem: Loslassen.
Hellfühlen im Alltag: Die 13 Clanmütter und der Weg durch die Hände
Was bei mir viel besser funktioniert als das Sehen, ist das Hellfühlen. Vielleicht liegt das an der Arbeit mit der Erde und dem Wasser. Letzte Woche, in der ersten warmen Juni-Woche, hantierte ich mit frischem Eukalyptus. Plötzlich spürte ich eine tiefe, pulsierende Wärme in meinen Handflächen. Es war kein körperliches Fieber, sondern ein Gefühl, als würden meine Hände sich an etwas erinnern, das mein Kopf noch gar nicht begriffen hatte. Ein Wissen darum, wie es der Pflanze geht, wie sie wirken will.
In dem Programm arbeiten wir mit 13 Lehrerinnen, die für verschiedene Aspekte des Weiblichen stehen. Das hilft mir sehr, weil es mir eine Struktur gibt, wenn ich mich in meinen eigenen Gefühlen verliere. Wenn ich abends in mein A5 Moleskine schreibe, merke ich, dass diese Wahrnehmungen oft ganz leise sind. Sie schreien nicht. Sie sind wie das leise Läuten der Messingglocke an meiner Ladentür – man muss hinhören, sonst überhört man den Gast.
Ich habe gemerkt, dass ich oft nach Zeichen von Verstorbenen im Alltag meines Blumenladens gesucht habe, ohne zu merken, dass meine Wahrnehmung durch den Stress viel zu stumpf war. Man kann nichts empfangen, wenn man innerlich wie eine verhärtete Tulpenzwiebel ist.

Die Falle der Reizüberflutung: Warum weniger für mich mehr ist
Hier kommt ein Punkt, den ich erst spät verstanden habe. Ich bin das, was man wohl hochsensibel nennt. Ein voller Laden, laute Kunden, das ständige Telefonklingeln – das alles stresst mich massiv. Viele Übungen zur Steigerung der Wahrnehmung sagen einem, man solle sich noch mehr öffnen. Aber für jemanden wie mich führt das oft direkt in die Reizüberflutung statt zur Intuition.
Einmal, während einer Meditation über die Ur-Mutter, schnitt das scharfe, kalte Klingeln der Messingglocke mitten durch meine Konzentration. Ich wäre fast vom Stuhl gefallen vor Schreck. Ich lerne jetzt, dass Training der Hellsinne für mich auch bedeutet, Filter zu setzen. Es ist wie beim Binden eines Straußes: Man kann nicht jede Blume hineinquetschen, nur weil sie schön ist. Man muss wählen, was bleibt und was draußen bleibt. Das ist eine Form von Herzöffnung für Anfänger, die nichts mit Naivität zu tun hat, sondern mit Schutz.
Ich bin keine Heilerin und auch keine Psychotherapeutin. Ich bin nur eine Frau, die versucht, die Verbindung zu ihrer verstorbenen Mutter und zu sich selbst nicht zu verlieren. Wenn du merkst, dass dich deine Trauer oder deine Sensibilität völlig überwältigt, sprich bitte mit deinem Hausarzt oder einer Therapeutin. Ein Online-Kurs kann eine wunderbare Stütze sein, aber er ersetzt keine medizinische Hilfe.

Ein Sonntagabend im Juli: Was bleibt, wenn die Trommel verstummt
Jetzt ist es Sonntagabend. Zwetschge, meine 15-jährige schildpattfarbene Katze, liegt wie immer auf dem Küchenfensterbrett und beobachtet die Regentropfen. Ich habe gerade mein Tagebuch vor mir liegen. Diese Woche habe ich eine Pfingstrose zwischen die Seiten gepresst. Sie steht für die großen Momente, für die volle Blüte.
Ich verstehe immer noch nicht alles, was in dem Programm passiert. Manchmal fühle ich mich albern, wenn ich im Wohnzimmer sitze und versuche, mich mit meinen Ahnen zu verbinden, während draußen die Nachbarn ihre Mülltonnen rausstellen. Aber dann gibt es diese Momente beim Binden eines Trauerkranzes, wo die Technik der 13 Clanmütter plötzlich Sinn ergibt. Wo ich nicht mehr nur Blumen stecke, sondern ein Gefühl von Frieden mit einwebe. Wie die Power of Love Übungen mir bei Erschöpfung helfen, ist schwer zu erklären, aber ich spüre, dass ich weniger müde bin, obwohl ich mehr wahrnehme.
Wahrnehmung zu schärfen ist kein Zaubertrick, den man nach drei Wochen beherrscht. Es ist ein langsames Heilen, ein vorsichtiges Vortasten. Es ist wie das Warten auf die ersten Anemonen im Frühjahr – man kann sie nicht aus der Erde ziehen, man kann nur den Boden bereiten und da sein, wenn sie sich entscheiden zu blühen. Wenn du auch das Gefühl hast, dass da mehr ist, als deine Augen sehen, schau dir das Programm von Thomas Young ruhig mal an. Es ist ein weiter Weg, aber vielleicht ist es genau der Raum, den du gerade füllen musst.
Ich klappe mein Moleskine jetzt zu. Die Pfingstrose wird bis zum nächsten Mal flach und trocken sein, aber ihre Farbe bleibt zwischen den Zeilen. Genau wie die kleinen Entdeckungen dieser Woche.
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