Das Bluetentagebuch

Zeichen von Verstorbenen im Alltag meines Blumenladens erkennen und deuten

Eine einzelne weiße Anemone rutscht aus der Vase auf dem Bindetisch, ohne dass jemand sie berührt hat. Seitdem taucht im Laden eine Frage öfter auf, als mir lieb ist: Wie soll ich ein Zeichen erkennen, wenn ich beruflich täglich mit den Symbolen des Abschieds arbeite? Eine fertige Antwort habe ich nicht. Zwischen Trauerbewältigung im eigenen Blumenladen-Alltag und einer spirituellen Ausbildung, die mich selbst gerade umkrempelt, sind aber ein paar Antworten gewachsen, die ich Kundinnen inzwischen häufiger gebe, als ich erwartet hätte.

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Woran erkenne ich ein Zeichen wirklich als Zeichen?

Verlässlich ist das nie, wirklich nie. Aber ich achte heute auf etwas anderes als früher: Kommt das Gefühl, bevor ich mir ein Zeichen gewünscht habe, oder erst danach? Wenn ich mich gerade danach sehne, dass Ingrid sich meldet, und genau dann fällt eine Blüte, misstraue ich mir selbst ein bisschen. Passiert es dagegen mitten im Kundengespräch, oder wenn ich Kränze durch die schmalen Gassen des Schnoorviertels ausliefere und an etwas ganz anderes denke, nehme ich es ernster. Die eigenen Hellsinne zu schärfen gehört zur Ausbildung dazu, aber genau hier wird es heikel: Die geschärfte Wahrnehmung richtet sich auf eine einzige Person, und das Deuten bekommt plötzlich einen Willen, den es vorher nicht hatte.

Warum mir die eigene Trauerfloristik zuerst im Weg stand

Floristenhände beim Binden eines Trauerkranzes — Zeichen erkennen und deuten im Blumenladen-Alltag

Wer jeden Tag mit Nelken, Lilien und Kränzen hantiert, verliert leicht den Blick für das eigene Empfinden. Ich kenne die Symbolik des Kreises in der Floristik, den Kreislauf ohne Anfang und Ende, und binde sie routiniert in jeden Trauerkranz — aber genau diese Routine hat mich am Anfang blind gemacht für das, was bei mir selbst passierte, nachdem meine Mutter Ingrid gestorben war. Die alltäglichen Abschiedssymbole waren mir so vertraut, dass ich ein echtes, persönliches Zeichen zunächst für reine Berufsroutine hielt. Inzwischen achte ich weniger auf die klassischen Bedeutungen, die ich ohnehin auswendig kenne, und mehr auf das, was aus der Reihe fällt — eine Blume, die zur falschen Jahreszeit auftaucht, ein Duft, der nicht zum Strauß gehört.

Haben Blumen eine Seele, wie Inke einmal gefragt hat?

Inke Glandorf, die seit dem Tod ihres Vaters zu jedem Jahrestag in meinen Laden kommt und dabei fast immer weiße Anemonen wählt, hat mich genau das einmal gefragt, zwischen Tür und Angel, während ich ihr die Stiele kürzte. Eine Antwort wusste ich nicht, nicht damals und eigentlich auch jetzt nicht. Aber die Frage ist geblieben, und sie hat etwas daran verändert, wie ich Bestellungen für Trauerfeiern annehme. Statt nur nach Farbe und Budget zu fragen, frage ich inzwischen, welche Blume der verstorbene Mensch selbst gemocht hat. Das ist kein spirituelles Konzept, eher eine kleine Verschiebung in der Aufmerksamkeit, und genau da, glaube ich, fängt Trauerintegration im Alltag an, lange bevor man das Wort dafür kennt.

Wenn kein Zeichen kommt

Nicht jeder Moment im Alltag ist ein Zeichen, so gerne ich das manchmal hätte. Neulich bin ich vom Großmarkt zurückgefahren und hatte schon fast zum Handy gegriffen, um sie kurz anzurufen, bevor mir wieder einfiel, dass da niemand mehr rangeht. Danach war es einfach nur still im Auto, keine Anemone, kein Zeichen, nichts. Eine Weile half mir danach abends ein Glas Wein, wenn dieses Loch zu groß wurde. Es funktionierte auch wirklich, bis es irgendwann nicht mehr funktionierte und ich morgens genauso leer aufwachte wie am Abend zuvor. Das war der Punkt, an dem mir klar wurde, dass ich etwas anderes brauchte als Betäubung. Innere Leere lässt sich nicht wegtrinken, und Alltagsintegration bedeutet für mich seitdem etwas sehr Unspektakuläres: nicht das eine große Aha-Erlebnis, sondern das wiederholte, kleine Begegnen mit dem, was da ist, mitten im Tag zwischen zwei Kundinnen. Wer merkt, dass die eigene Traurigkeit über längere Zeit eher schwerer statt leichter wird, sollte das nicht allein mit sich ausmachen, sondern mit dem Hausarzt oder einer Psychotherapeutin sprechen — dafür ist kein Kurs und keine Ausbildung der richtige Ort.

Zwischen Bindetisch und Frauenkreis: Wie sich die Ausbildung in meinen Blumenladen-Alltag schiebt

Vormittags Wasser und Bast, abends ein Bildschirm mit den Gesichtern von acht Frauen, die ich nur online kenne. Dieser Wechsel fühlt sich manchmal an wie zwei verschiedene Leben. In der Power of Love Ausbildung arbeite ich gerade mit den Clanmüttern, weiblichen Ahninnen-Energien, die eng mit dem verwandt sind, was man Ahnenheilung nennt, also der Arbeit mit allem, was über die eigene Mutter hinausreicht. Zuerst wirkte das sehr abstrakt, bis sich beim Binden eines Straußes plötzlich die Erinnerung an die Hände meiner Mutter über meine eigenen Handgriffe legte.

Für die spirituelle Erdung brauche ich inzwischen keine separate Übung. Meine Erdung ist der Bindetisch selbst — die nasse Kälte der Stiele, das Gewicht der vollen Vase in beiden Händen. Schattenarbeit gehört ebenfalls zum Programm, auch wenn ich davon lieber wenig erzähle, weil manches davon einfach unangenehm bleibt, egal wie oft man es übt.

Lore Ahlers, die im Frauenkreis in Worpswede neben mir sitzt und nebenbei töpfert, ohne je viel Aufhebens darum zu machen, hat neulich etwas gesagt, das mir mehr geholfen hat als jede einzelne Übung aus der Power of Love Ausbildung: Energetischer Schutz sei für sie einfach die Grenze, ab der sie eine fremde Trauer nicht mehr mit in die eigene Wohnung nimmt. Wer es exotischer mag, findet über die Huna-Lehre bei Programmen wie A Touch of Aloha einen anderen Zugang zu ganz ähnlichen Fragen. Für mein norddeutsches Gemüt passt die Arbeit mit den Clanmüttern gerade besser.

Muss ich jedes Zeichen deuten, oder darf ich es einfach lassen?

Nein, glaube ich inzwischen. Nicht jedes Zeichen muss sofort gedeutet werden. Manche presse ich einfach zwischen die Seiten meines Notizbuchs, eine Anemone für Klarheit, ohne in diesem Moment schon zu wissen, was sie bedeutet; das spirituelle Tagebuch ist für mich weniger ein Ort für fertige Antworten als ein Ort, an dem ich Fragen liegen lassen darf. Manchmal kommt die Bedeutung erst viel später, wenn ich eine alte Seite noch einmal aufschlage. Eine schamanische Reise mit der Trommel kann dabei helfen, sich einem Zeichen zu nähern, das man wach nicht fassen kann, aber sie ersetzt das eigene Sitzen mit der Frage nicht. Was sich am deutlichsten verschoben hat, ist mein Umgang mit den Kunden selbst. Ich höre heute anders zu, wenn jemand Blumen für eine Beerdigung bestellt, mit mehr Geduld für die Umwege, die ein Gespräch nimmt, bevor die eigentliche Frage kommt. Diese Art von Herzöffnung ist leiser, als ich erwartet hätte, und hat weniger mit großen Gefühlen zu tun als mit der Bereitschaft, eine Bestellung nicht abzukürzen. Ob die Anemone vom Anfang wirklich ein Zeichen von Ingrid war, weiß ich nicht, und ich muss es auch nicht wissen. Es reicht mir, dass ich seitdem genauer hinschaue.

Mal kurz:
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