Das Bluetentagebuch

Spirituelle Erdung für Anfänger: Wie ich mit Blumen meine Mitte finde

Die einen schließen die Augen und stellen sich vor, wie Wurzeln aus ihren Fußsohlen wachsen. Ich greife stattdessen mitten am Nachmittag in den Eimer mit dem eiskalten Wasser, in dem die Stiele stehen, bis die Kälte bis in die Fingerknöchel zieht. Beides soll Erdung sein, beides wird in meiner spirituellen Ausbildung und im Frauenkreis in Worpswede unterrichtet oder wenigstens erwähnt, und trotzdem fühlen sich die zwei Wege an, als kämen sie aus zwei verschiedenen Leben. Seit dem Tod meiner Mutter Ingrid versuche ich herauszufinden, welcher der beiden mich tatsächlich trägt: die Trauerarbeit im Kopf oder die Trauerarbeit in den Händen. Floristik und Seele gehören für mich zusammen, aber sie sprechen nicht immer dieselbe Sprache, und Erdung im Alltag sieht in meinem Laden oft anders aus, als es in den Kursunterlagen beschrieben wird.

Erdung im Alltag: Ritual oder Handwerk?

Erdung bedeutet in den Kursunterlagen meist ein Bild: Wurzeln, die aus dem Körper wachsen und sich in der Erde verankern. Im Frauenkreis nennen wir das eine Übung, ein Ritual, manchmal eine Reise mit der Trommel. Für mich als Floristin ist Erdung etwas Handfesteres geworden, der Punkt, an dem Kopf und Körper aufhören, zwei getrennte Baustellen zu sein. Das kann eine Vorstellung sein. Es kann aber genauso gut der ungleiche, alte Kalkstein unter meinen Sohlen sein, wenn ich morgens den Laden aufschließe und die schiefen Regale noch im Halbdunkel stehen.

Roswitha Feddersen kommt seit zwölf Jahren jeden Freitagvormittag vorbei, kauft meist nur einen kleinen Strauß und bleibt eine Viertelstunde, ohne viel zu sagen. Kurz nach der Beerdigung meiner Mutter hat sie mir einen gefalteten Zettel in die Hand gedrückt, nur mit einem Namen darauf, kein weiteres Wort dazu – so bin ich überhaupt zur Schamanin in Worpswede gekommen. Roswitha selbst macht keine Übungen, kein Ritual, keine Trance. Trotzdem gehört sie zu den geerdetsten Menschen, die ich kenne. Sie fragt nie, wie es mir wirklich geht, und trotzdem hört sie alles.

Im Online-Programm wechseln sich die Themen ab: mal geht es um Ahnenheilung, mal um Schattenarbeit, mal um energetischen Schutz für Menschen, die beruflich viel mit den Gefühlen anderer zu tun haben, mal um die Huna-Lehre mit ihrer eigenen Sprache für das, was wir hier Erdung nennen. Andere Abende drehen sich um die Hellsinne oder um das, was im Kreis manche die innere Leere nennen, dieses Gefühl, dass ein ganzer Raum in einem leer geblieben ist. Herzöffnung gehört genauso dazu wie das, was die Mentorin Alltagsintegration nennt: der Versuch, das Gelernte mit in den Laden zu tragen, statt es nur am Wochenende in Worpswede zu erleben.

Mein Moleskine ist dabei mein wichtigstes Werkzeug, für etwas, das im Kurs offiziell spirituelles Tagebuch heißt und bei mir einfach nur Sonntagabend ist. Für diese Woche liegt eine Anemone zwischen den Seiten, mein Zeichen für Klarheit, wenn gerade nichts klar ist. In einer Sitzung ging es zuletzt um Trauerintegration, und danach saß ich vor der leeren Seite und merkte, dass mir diesmal einfach nichts einfiel, kein Krafttier, keine Trance, nur das Gefühl, heute nichts zu holen zu haben.

Anemone zwischen den Seiten eines Tagebuchs als Symbol für Erdung und Trauerarbeit

Wann hilft das Sitzen mit geschlossenen Augen – und wann die kalte Hand im Eimer?

Trude Warnecke schreibt mir seit meinem ersten Kursbericht, kurz, aber regelmäßig. Drei Sätze reichen ihr meist, um zu sagen, wofür ich eine ganze Tagebuchseite brauche. Für sie war die Vorstellung von Wurzeln, die tief in die Erde reichen, ein echter Halt, gerade in den Wochen, in denen sie sich sonst an nichts festhalten konnte. Sie hat mir geschrieben, dass ihr die Bilder aus der Trommelreise mehr Ruhe gaben als jedes Gespräch in dieser Zeit. Ich zweifle daran nicht, auch wenn es bei mir anders läuft.

Diese Art von Erdung braucht Vorstellungskraft und Geduld, zwei Dinge, die bei mir am Bindetisch leichter kommen als beim Sitzen mit geschlossenen Augen. Manche Abende im Programm fühle ich mich, als würde ich eine fremde Sprache lernen, während Zwetschge auf meinem Schoß liegt und schnurrt, viel lauter, als der Mentor auf dem Bildschirm sprechen kann. Andere Abende funktioniert genau dasselbe wie von selbst. Es gibt keine Regel, wann welches der Fall ist, nur die Erfahrung, dass beides möglich ist.

Floristik und Seele: Was die Hände wissen, das der Kopf nicht lernt

Der Bindetisch ist für mich der ehrlichste Ort im Laden. Keine Vorstellung von Wurzeln, kein Mentor auf dem Bildschirm, nur der Widerstand einer Pfingstrose gegen die Schere, das Knacken der Faser, der herbe Duft, der beim Anschneiden freikommt. In solchen Momenten konzentriere ich mich nicht auf ein inneres Bild, sondern auf das, was tatsächlich unter meinen Fingern passiert – und genau das ist für mich Floristik und Seele in einem Satz, keine Trennung zwischen Handwerk und dem, was darunterliegt.

Schere schneidet den Stiel einer dunkelroten Pfingstrose an – Handwerk als Erdung im Blumenladen

Wie sich dabei mein Umgang mit meiner Intuition verändert, merke ich vor allem am Bindetisch. Ich vertraue inzwischen öfter dem, was die Hände wollen, als dem, was im Lehrbuch steht, und binde einen Kranz oft fertig, bevor ich in Worten erklären könnte, warum genau diese Blume an diese Stelle gehört.

Eine Pfingstrose braucht Zeit, um sich zu öffnen, das lässt sich nicht beschleunigen, egal wie sehr man an den Blütenblättern zieht. Genauso verhält es sich mit dem, was in mir heilen soll. Kein Kurs, wie gut er auch ist, macht daraus ein schnelleres Verfahren. Was er verändert, ist eher die Geduld, mit der ich dem Ganzen zusehe, während ich weiter meine Hände in Wasser und Erde halte.

Auch das Handwerk versagt manchmal. Es gibt Nachmittage, an denen ich Eimer für Eimer durchgehe, welke Tulpenstiele und vertrocknete Hortensienblätter aussortiere, und der Kopf trotzdem laut bleibt. Die Hände sind beschäftigt, aber das Gefühl von Leere, das seit dem Tod meiner Mutter da ist, bleibt an solchen Tagen einfach da. Kein Trick mit Wasser oder Erde füllt es zuverlässig, und vermutlich ist das auch gut so, sonst wäre Erdung ein Rezept und keine Erfahrung.

Bevor ich überhaupt nach Worpswede gefahren bin, hatte ich es mit einem dritten Weg versucht: fünf Sitzungen bei einer Trauertherapeutin, mit einem Fragebogen am Anfang und einer festen Struktur in jeder Stunde. Ich habe danach aufgehört, nicht weil die Therapeutin schlecht war, sondern weil sich das Ganze für mich wie ein Protokoll anfühlte, Punkt für Punkt abgearbeitet. Ich wollte keine Struktur. Ich wollte einen Ort, an dem ich nicht wusste, was als Nächstes kommt. Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen einer Methode, die für viele Menschen funktioniert, und einer, die zufällig zur eigenen Art passt.

So ein gewöhnlicher Moment war es auch, als mir zum ersten Mal aufgefallen ist, dass sich etwas verschoben hatte: auf der Rückfahrt vom Großmarkt, die Kisten mit nassen Stielen hinten im Auto, merkte ich, dass ich nicht wie sonst überlegt hatte, ob ich unterwegs noch anrufen sollte. Danach war da nur eine seltsame, leise Ruhe im Wagen, kein schlechtes Gewissen, nur der Geruch von feuchtem Grün und Stille. Niemand hatte mir das beigebracht, keine Übung, kein Mentor, keine Trommel. Es war einfach passiert, irgendwo zwischen Autobahn und Blumenkisten.

Trauerarbeit braucht kein Protokoll

Trauerarbeit, glaube ich inzwischen, braucht vor allem einen Rahmen, der zur eigenen Art passt, mit Verlust umzugehen, nicht den einen richtigen Rahmen. Trude findet ihren in der Vorstellung und im Brief. Roswitha findet ihren, ohne dass sie es je Ritual nennen würde, einfach im regelmäßigen Wiederkommen. Ich brauche offenbar beides: die Bilder aus dem Frauenkreis, wenn der Kopf zu voll ist, und die kalten Stiele im Eimer, wenn der Kopf zu leise werden muss, um überhaupt etwas zu merken.

Auch mein Umgang mit den Menschen im Laden hat sich dabei verändert. Ich unterbreche ein Gespräch über einen Verlust seltener, auch wenn an der Kasse eine Schlange wartet, weil ich gelernt habe, dass genau diese paar zusätzlichen Minuten oft das sind, was jemand gerade wirklich braucht. Das hat weniger mit Trommelreisen zu tun als mit der einfachen Entscheidung, jemanden nicht zu unterbrechen.

Wer heute anfängt und nicht weiß, wo er ansetzen soll, dem würde ich raten, beides kurz auszuprobieren, bevor er sich für eine Schule oder eine einzelne Methode entscheidet. Fünf Minuten mit geschlossenen Augen und der Vorstellung von Wurzeln, dann fünf Minuten mit etwas in der Hand, das eine echte Textur hat, kaltes Wasser, feuchte Erde, raue Rinde, was im eigenen Alltag eben vorkommt. Entscheidend ist, welches der beiden einen wirklich ruhiger macht, nicht welches sich spiritueller anfühlt. Zwetschge, meine alte Katze, liegt gerade auf dem Fensterbrett zwischen den getrockneten Blüten und beobachtet das Ganze mit einer Gelassenheit, für die sie weder Kurs noch Trommel gebraucht hat. Manche Wege zur Mitte muss man lernen. Andere sind einfach schon da.

Schildpattfarbene Katze ruht neben getrockneten Blumen auf dem Fensterbrett – Ruhe als stille Erdung im Alltag

Nichts davon ersetzt professionelle Hilfe. Ich bin Floristin, keine Therapeutin, und was hier steht, sind Beobachtungen aus meinem eigenen Laden, kein ärztlicher Rat. Wenn Trauer, Angst oder eine andere psychische Belastung dich lähmt, wende dich bitte an deinen Hausarzt oder an eine approbierte Psychotherapeutin. Ein Kurs oder ein Frauenkreis kann eine Ergänzung sein, aber niemals ein Ersatz.

Mal kurz:
Keine der Informationen auf dieser Website stellt eine medizinische, rechtliche oder finanzielle Beratung dar. Alle Inhalte basieren auf persönlicher Erfahrung. Wenden Sie sich an einen qualifizierten Fachmann für eine auf Ihre Situation zugeschnittene Beratung.

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