Das Bluetentagebuch

Spirituelle Erdung für Anfänger: Wie ich mit Blumen meine Mitte finde

Es war ein verregneter Dienstagmorgen in dieser Woche, als die erste Lieferung Anemonen kam. Die Stiele waren noch kalt vom Kühlwagen, fast ein wenig steif, und der Geruch nach feuchter Erde stieg mir sofort in die Nase, als ich die Papierwickel löste. Draußen im Viertel peitschte der Regen gegen das Schaufenster meines schmalen Altbau-Ladens, und drinnen stand ich zwischen den schiefen Holzregalen und versuchte, tief in den Bauch zu atmen. Mein Kopf war noch voll von den Lektionen aus dem Online-Programm, das ich im Februar 2026 begonnen habe – es geht momentan viel um das Thema Basis, Wurzeln, Erdung. Aber ehrlich gesagt? Manchmal fühle ich mich alles andere als geerdet, wenn ich zwischen Eimern und Schleifenbändern stehe und versuche, den Schmerz um meine Mutter Ingrid irgendwohin zu sortieren, wo er nicht ständig im Weg steht.

Seit dreizehn Jahren führe ich diesen Laden nun schon. Man sollte meinen, ich wüsste, wie man fest auf beiden Beinen steht. Schließlich arbeite ich den ganzen Tag mit den Händen in Wasser und Erde. Aber seit März 2024, seit Mama weg ist, fühlt sich der Boden unter mir oft an wie loser Sand. Ich habe im August 2024 zum ersten Mal eine Schamanin in Worpswede besucht, weil ich nicht mehr weiterwusste. Diese zwei Stunden für 120 Euro haben etwas in mir verschoben. Nichts, was man sofort benennen konnte, aber es war wie ein leises Knacken im Eis. Inzwischen bin ich im fünften Monat meiner Ausbildung und lerne langsam, dass Erdung nicht bedeutet, dass man nie wieder schwankt. Es bedeutet eher, dass man weiß, wie man die Wurzeln tiefer schlägt, wenn der Sturm kommt.

Zwischen Theorie und den kalten Stielen der Anemone

In den Online-Sitzungen sprechen wir oft über den Lichtkörper und schamanische Reisen. Manchmal sitze ich dann abends in meiner Wohnung, Zwetschge liegt auf meinem Schoß und schnurrt so laut, dass ich den Mentor kaum verstehe, und ich frage mich: Wie passt das zusammen? Die Trommelreisen zu meinen Krafttieren und das ganz normale Leben hier im Bremer Viertel? In der Theorie klingt Erdung so einfach. Man stellt sich vor, wie Wurzeln aus den Fußsohlen wachsen. In der Praxis stehe ich um sieben Uhr morgens im Laden und meine Füße tun einfach nur weh vom harten Boden.

Nahaufnahme einer Anemone über einem Tagebuch in den Händen einer Floristin.

Letzten Sonntagabend habe ich in mein Moleskine-Notizbuch geschrieben – das mache ich seit August 2024 jeden Sonntag. Über zwanzig getrocknete Blüten kleben inzwischen darin. Für diese Woche habe ich eine Anemone gepresst. In der Floristik steht sie oft für Erwartung, aber auch für das Vergängliche. Für mich symbolisiert sie gerade diesen Zustand des Suchens. Ich merke, dass ich oft versuche, die spirituellen Übungen „perfekt“ zu machen. Ich will die perfekte Vision haben, das perfekte Gefühl der Ruhe. Aber meistens passiert... nichts. Oder ich denke während einer Meditation daran, dass ich noch Eukalyptus nachbestellen muss.

Ich lerne gerade, dass genau das der Punkt ist. Erdung passiert nicht im Kopf. Sie passiert, wenn ich das kühle, glatte Gefühl der Messingglocke an der Ladentür spüre, wenn ich nach einem langen Samstag in Worpswede zurückkomme. Dieses Geräusch, dieses Metall unter meinen Fingern – das ist mein Anker. Es ist die Erinnerung daran, dass ich hierher gehöre, in diesen schmalen Raum mit den Blumen, auch wenn ein Teil von mir immer noch in der Trauer um Mama festhängt. Es ist völlig okay, wenn eine Übung mal nicht klappt. Ich habe letzte Woche eine Trommelreise abgebrochen, weil ich einfach nur weinen musste. Keine Bilder, kein Krafttier, nur Tränen. Und wisst ihr was? Das war vielleicht geerdeter als jede künstlich herbeigeführte Trance.

Die Pfingstrose und der Moment der radikalen Präsenz

Vor etwa drei Wochen, als die ersten Pfingstrosen kamen, hatte ich einen dieser Momente, die ich früher einfach übersehen hätte. Eine Kundin wollte einen Strauß für ein Grab – nicht für ein frisches, sondern für einen Jahrestag. Wir sprachen kurz über den Verlust, und plötzlich war da diese Stille im Laden. Ich nahm eine schwere, dunkelrote Pfingstrose und schnitt sie an. In diesem Moment habe ich mich ganz bewusst auf den Widerstand des Stiels gegen das Messer konzentriert. Das Knacken der Faser, der austretende Saft, der herbe Duft.

Das war Erdung. In diesem Moment gab es kein Gestern, in dem Ingrid noch lebte, und kein Morgen, an dem ich die nächste Rate für meine Ausbildung bezahlen muss. Es gab nur das Messer, die Blume und meine Hände. Ich merke, wie sich mein Umgang mit meiner Intuition verändert. Ich vertraue nicht mehr nur auf das, was im Lehrbuch steht, sondern auf das, was meine Hände mir sagen. Wenn ich einen Kranz binde, spüre ich inzwischen oft, welche Blume wohin will, ohne groß darüber nachzudenken. Es ist ein tiefes, unwillkürliches Ausatmen, das durch meinen Körper geht, wenn der Strauß seine Form findet.

Nahaufnahme einer Schere, die den Stiel einer dunkelroten Pfingstrose anschneidet.

Ich bin keine Heilerin. Ich bin Helene, die Floristin, die versucht, die Scherben ihres Herzens wieder zusammenzusetzen. Aber durch die Arbeit im Frauenkreis in Worpswede und jetzt im Online-Programm erkenne ich, dass die Natur uns alles lehrt, was wir über Erdung wissen müssen. Eine Pfingstrose braucht Zeit, um sich zu öffnen. Man kann sie nicht zwingen. Wenn man an den Blütenblättern zieht, zerstört man sie. Genauso ist es mit meiner Heilung. Ich kann sie nicht beschleunigen, egal wie viele Kurse ich belege. Ich muss warten, bis die Zeit reif ist, und in der Zwischenzeit meine Hände in der Erde lassen.

Ein ungewöhnlicher Weg: Erdung durch das Vergehen

Hier kommt etwas, das ich erst vor Kurzem begriffen habe und das vielleicht seltsam klingt: Wahre Erdung finde ich oft nicht bei den frischen, perfekten Blumen, sondern beim Ausmisten. Wenn ich abends die welken Reste aus den Vasen nehme, die schleimigen Stiele der Tulpen oder die vertrockneten Blätter der Hortensien, dann spüre ich die Realität des Lebens am stärksten. Viele Menschen versuchen, das Welken zu ignorieren, es schnell wegzuschmeißen, weil es an den Tod erinnert. Aber für mich ist das bewusste Zerstören oder Verwerten dieser Reste ein Schlüssel zur Mitte geworden.

Indem ich das Vergehen nicht wegdrücke, sondern es anfasse – auch wenn es sich manchmal eklig anfühlt –, akzeptiere ich den Kreislauf. Das ist schamanische Arbeit im Alltag. Ahnenarbeit ist nicht nur das Anzünden einer Kerze für Mama. Es ist das Wissen, dass sie jetzt Teil dieser Erde ist, aus der die nächsten Blumen wachsen. Wenn ich den Kompost rausbringe, ist das für mich ein ritueller Akt geworden. Es erdet mich mehr als manche Theorie über Ahnenreihen, weil es so verdammt konkret ist. Ich habe früher oft gedacht, ich müsste besonders „rein“ oder „spirituell“ sein, um diese Arbeit zu machen. Heute weiß ich: Je mehr Dreck unter meinen Fingernägeln ist, desto näher bin ich dem, was wirklich zählt.

Eine schildpattfarbene Katze liegt entspannt auf einem Fensterbrett neben getrockneten Blumen.

Natürlich gibt es Tage, da klappt das gar nicht. Da fühle ich mich wie ein Betrüger, wenn ich abends mein Moleskine aufschlage. Letzten Monat hatte ich eine Phase, in der ich das Gefühl hatte, überhaupt nichts zu spüren. Die Trommel war nur ein dumpfes Geräusch, die Meditationen im Kurs langweilten mich, und ich fragte mich, warum ich monatlich so viel Geld ausgebe, das ich eigentlich für eine neue Markise sparen sollte. Aber meine 15-jährige Katze Zwetschge, die meistens auf dem Küchenfensterbrett liegt und alles beobachtet, erinnert mich mit ihrer stoischen Ruhe daran, dass das Sein an sich schon genug ist. Sie braucht keine Ausbildung, um geerdet zu sein. Sie ist es einfach.

Praktische Schritte für den Alltag (von einer Suchenden)

Wenn du selbst gerade erst anfängst und dich fragst, wie du in diesem Chaos namens Leben deine Mitte findest, dann habe ich keine fertigen Rezepte. Ich kann dir nur sagen, was mir hilft, während ich selbst noch lerne. Es sind oft die kleinen, fast albernen Dinge. Wenn der Duft von frischem Eukalyptus beim Auspacken der Ware meinen Kopf klärt, dann bleibe ich für fünf Sekunden stehen und atme nur diesen Duft. Das ist meine kleine Flucht vor dem Stress.

Ich merke auch, wie sich durch diese kleinen Übungen mein Umgang mit den Menschen im Laden wandelt. Ich bin geduldiger geworden, vielleicht weil ich mir selbst gegenüber auch geduldiger werde. Ich bin keine Ärztin und habe keinerlei medizinische Ausbildung; ich bin eine Frau, die Blumen bindet und versucht, den Schmerz über den Verlust ihrer Mutter Ingrid zu verarbeiten. Wenn es dir richtig schlecht geht, wenn die Trauer dich lähmt oder du dich völlig verloren fühlst, such dir bitte professionelle Hilfe bei einem Therapeuten oder deinem Hausarzt. Ein Online-Kurs kann eine wunderbare Unterstützung sein, aber er ersetzt keine medizinische Behandlung.

Heute Abend werde ich wieder in mein Moleskine schreiben. Vielleicht klebe ich einen kleinen Eukalyptuszweig hinein – für die harten Wochen, die hinter mir liegen, aber auch für die Klarheit, die langsam einkehrt. Ich weiß immer noch nicht, wohin mich dieser Weg führt oder ob ich am Ende des Jahres wirklich sagen werde: „Ich bin jetzt eine Schamanin“. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich werde ich immer noch Helene sein, die Floristin aus Bremen. Aber vielleicht eine Helene, die ein bisschen fester auf dem schiefen Holzboden ihres Ladens steht, während die Glocke an der Tür läutet und ein neuer Kunde hereinkommt.

Erdung ist kein Ziel, das man erreicht. Es ist ein Prozess, so wie eine Zwiebel, die im dunklen Boden liegt und den ganzen Winter über warten muss, bis sie im Frühjahr zur Tulpe wird. Manchmal ist das Warten und das Aushalten der Dunkelheit der wichtigste Teil der Erdung. Und während ich das hier schreibe, schaut Zwetschge mich mit ihren gelben Augen an, gähnt einmal herzhaft und erinnert mich daran, dass es jetzt Zeit ist, das Licht auszumachen und einfach nur zu sein.

Mal kurz:
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