
Die meisten, die mich nach einer energetischen Reinigung für ihren Laden oder ihre Wohnung fragen, stellen sich ein einziges Ritual vor: einmal räuchern, fertig, für immer sauber. Genau das ist der Irrtum, der mir zwischen den schiefen Holzregalen meines Blumenladens im Bremer Viertel am häufigsten begegnet, und ich will ihn hier richtigstellen, bevor er sich weiterträgt wie eine Neuigkeit auf dem Wochenmarkt am Domshof.
Energetische Reinigung eines Raums ist bei mir kein Ereignis, sondern eine Gewohnheit, die ich inzwischen als Teil meiner spirituellen Praxis verstehe, ungefähr so, wie man das Wasser in einer Vase wechselt, bevor es kippt, nicht erst, wenn der Geruch schon im ganzen Laden hängt. Man merkt es an konkreten Zeichen, nicht an einem Kalenderdatum: einer Ecke, die man ungern betritt, einem Gespräch, das länger nachhallt als es sollte, einer Schwere, die bleibt, obwohl längst neue Blumen im Eimer stehen.
Der Irrtum bei der energetischen Reinigung
Ich war fünf Mal bei einer Trauertherapeutin, weil mir alle sagten, das sei der vernünftige, der einzig richtige Weg. Nach der fünften Sitzung bin ich nicht wiedergegangen. Nicht weil die Frau schlecht gearbeitet hätte, sondern weil sich jedes Gespräch wie ein Protokoll anfühlte, das abgehakt werden musste, und nicht wie ein Raum, in dem etwas passieren durfte.
Bei der energetischen Reinigung höre ich denselben Anspruch ständig: den einen richtigen Ablauf, das eine Räuchermittel, das angeblich für jeden funktioniert. Räume sind aber genauso unterschiedlich wie Trauer. Was bei mir zwischen den Narzissenvasen auf dem schiefen Regal wirkt, muss bei dir in deiner Wohnung nicht wirken, und umgekehrt. Manchmal reicht ein geöffnetes Fenster und ein paar Minuten Durchzug, manchmal braucht es Rauch, manchmal Klang. Die Wirkung hängt vom Raum ab, nicht von einer allgemeingültigen Anleitung, die irgendwer aufgeschrieben hat.

Was in einem Blumenladen wirklich hängen bleibt
Neulich bat mich eine Kundin um einen Strauß für ihre verstorbene Mutter, und ich habe das Gespräch nicht abgekürzt, obwohl hinter ihr schon die nächste Person mit einer Bestellung wartete. Solche Momente setzen sich in einem Laden fest: nicht Rauch, nicht Staub, sondern das, was fremde Trauer im Raum zurücklässt, wenn den ganzen Tag über wildfremde Menschen ihren Schmerz mit hereintragen. Energetischer Schutz wird meistens nur für die eigene Person gedacht, dabei geht es in einem Geschäft wie meinem zuerst um den Raum selbst.
Was viele für schlechte Energie halten, ist manchmal auch nur die eigene innere Leere, die im Raum widerhallt, ohne dass sie mit dem Ort selbst etwas zu tun hat.
An einem besonders schweren Tag stand plötzlich Roswitha Feddersen in der Tür, eine alte Stammkundin, mit einer Tüte selbst gebackener Schmalzkekse in der Hand. Kein Wort dazu, nur die Kekse auf den Tresen gestellt und wieder gegangen.
Ich vergleiche das Aufräumen dieser Rückstände gern mit den erste Schritte zurück in den Alltag, über die ich anderswo ausführlicher schreibe — kleine, wiederholte Handlungen statt eines großen Befreiungsschlags. Trauerverarbeitung und Raumklärung laufen bei mir nebeneinander her, nicht nacheinander.
Räuchern ist nicht der einzige Weg
Der zweite Irrtum, der sich hartnäckig hält: dass man für eine energetische Reinigung unbedingt Räuchersalbei oder ein bestimmtes, möglichst exotisches Werkzeug braucht.
Eine Brieffreundin aus dem Programm, das ich gerade durchlaufe, lebt in Freiburg, meditiert jeden Tag und würde trotzdem nie eine Trommel anfassen. Bei ihr wirkt die Stille, bei mir eher der Klang, der die Glasvasen auf dem Regal zum Schwingen bringt, während ich am Bindetisch stehe und die Hände noch nass sind vom Eimerwasser.
Manchmal kann eine Trommelreise lösen, was Rauch nur überdeckt. Das macht sie trotzdem nicht zum einzig richtigen Zugang für alle.
Für manche heißt das, was in dieser Ecke zwischen den Regalen passiert, Ahnenheilung, für andere Schattenarbeit, und in der Huna-Lehre gibt es wieder einen eigenen Begriff dafür. Mir ist der Name inzwischen weniger wichtig als das, was sich im Raum wirklich verändert. Bei mir ist das ohnehin keine Extra-Übung neben dem Laden, sondern Teil der täglichen Arbeit selbst, eine Art Alltagsintegration, die zwischen zwei Kundengesprächen passiert und nicht erst nach Feierabend.

Den Raum lesen, bevor du etwas veränderst
Wenn mich so ein Moment besonders trifft, drücke ich abends einen Fliederzweig aus dem Laden zwischen die Seiten meines Notizbuchs, ein kleines, spirituelles Tagebuch, mehr will ich dazu hier nicht sagen. Wichtiger ist die Regel, die sich daraus für mich ergeben hat: Ich reinige nicht nach Plan, sondern nach dem, was der Raum mir zeigt: eine Ecke, die ich meide, ein Zögern an der Tür, ein Gespräch, das noch nachklingt, wenn die Kundin längst gegangen ist. Das hat mit Erdung zu tun, mit Hellsinnen, die man schärft, und mit einer Herzöffnung, die sich nicht erzwingen lässt, sondern sich einstellt, wenn man genau genug hinschaut.
Der Weg von meiner ersten schamanischen Einzelsitzung in Worpswede bis zu diesem eigenen, unperfekten System in Bremen war kein gerader. Aber wenn du dir nur einen Satz aus diesem Text mitnimmst, dann diesen: Warte nicht auf den einen richtigen Moment oder das eine richtige Räuchermittel, sondern achte auf die Zeichen, die dein eigener Raum dir zeigt, und handle danach.
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