
Gestern Abend, als der letzte Kunde den Laden verlassen hatte und die Messingglocke an der Tür endlich verstummte, blieb ich einfach stehen. Mitten zwischen den Eimern mit Ranunkeln und den Resten von Farnwedeln auf dem Boden. Es war dieser Moment, in dem die Stille im Viertel fast körperlich wird. Ich sah mich um und begriff: Der Staub auf den schiefen Holzregalen war gar nicht das Problem. Es war etwas anderes, das sich in den dreizehn Jahren, die ich diesen Laden nun führe, in den Ecken festgesetzt hatte â eine unsichtbare Schwere, die sich an die Wände klammerte.
Seit Februar bin ich nun im zweiten Monat meines Online-Programms. Ein Betrag, den ich jeden Monat überweise und bei dem ich kurz die Luft anhalte, weil er eigentlich mein Budget sprengt. Aber dieses Modul über Space Clearing, die energetische Reinigung von Räumen, kam genau zur richtigen Zeit. Ich bin keine Heilpraktikerin und habe auch keine medizinische Ausbildung â ich bin nur eine Floristin, die seit dem Tod ihrer Mutter im März 2024 versucht, wieder richtig atmen zu können. Und manchmal fühlt es sich an, als ob die Räume, in denen wir leben und arbeiten, unseren Schmerz wie ein alter Teppich aufsaugen.
Das Brummen der Glasvasen
Ich habe mir einen Dienstagabend im März ausgesucht, an dem es drauÃen so richtig bremisch regnete. Zwetschge, meine fünfzehnjährige schildpattfarbene Katze, lag auf dem Küchenfensterbrett in der Wohnung oben drüber und blinzelte mich verschlafen an, als ich mit meinem Bündel aus getrocknetem Beifuà nach unten in den Laden ging. Es fühlte sich erst albern an. Ich, Helene, die Frau mit den schmutzigen Fingernägeln und der praktischen Schürze, stehe mit einem brennenden Kräuterbündel in meinem eigenen Geschäft.
Aber dann habe ich meine Trommel genommen. Es ist kein offizieller Kurs mit Zertifikat, den ich da mache, sondern eher eine Reise zu mir selbst. Als ich anfing zu trommeln, passierte etwas Seltsames. Die Vibration der Trommel brachte die dünnen Glasvasen der Narzissen auf dem Regal zum Schwingen. Es war ein tiefes, metallisches Summen, das durch den ganzen Raum ging. In diesem Moment dachte ich an meine Mutter Ingrid. Ich sah sie förmlich vor mir, wie sie dort hinten am Tresen stand, die Arme verschränkt, und mit ihrem typischen Blick sagte: âHelene, was für ein Humbug!â Aber ich wusste auch, dass sie den herben, erdigen Geruch der Kräuter insgeheim geliebt hätte.

Der Schatten hinter dem Tresen
Die schwierigste Stelle war die Ecke hinter dem Verkaufstresen. Dort, wo Ingrid immer saÃ, wenn sie mir in den letzten Jahren geholfen hat. Die Energie dort fühlte sich an wie stehendes Wasser in einer Blumenvase, die man zu lange vergessen hat. Dickflüssig und ein bisschen faulig. Ich merkte, wie ich zögerte, dort zu räuchern. Es war die Angst, dass ich mit dem âReinigenâ auch den letzten Rest ihres Duftes, ihrer Anwesenheit vertreiben würde.
In meiner schamanischen Arbeit lerne ich gerade viel über Ahnenarbeit und das Loslassen. Es geht nicht darum, jemanden wegzuschieben. Es geht darum, den Raum so zu klären, dass die Liebe bleiben kann, aber der Schmerz gehen darf. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass meine Trauer den Laden nicht ehrt, wenn sie ihn erstickt. Wenn du selbst in einer ähnlichen Situation bist, hilft es manchmal, sich erste Schritte zurück in den Alltag bewusst zu machen, bevor man sich an die tiefe energetische Arbeit wagt. Es ist ein langsamer Prozess, wie das Aufblühen einer Pfingstrose.
Ich ging also in diese Ecke. Ich trommelte gegen die Schwere an. Und plötzlich fühlte es sich an, als würde ein Fenster aufspringen, das jahrelang verklemmt war. Nicht, weil Ingrid weg war, sondern weil der Platz wieder mir gehörte. Ich bin keine Expertin für psychische Gesundheit, und wenn die Trauer dich so fest im Griff hat, dass du gar nicht mehr aufstehen kannst, solltest du unbedingt mit einem Arzt oder Therapeuten sprechen. Aber für mich, hier in meinem schmalen Altbau-Laden, war dieser Rauch und dieser Klang ein Weg, wieder die Oberhand zu gewinnen.
Die Kraft des authentischen Chaos
Was mich das Programm diesen Monat gelehrt hat, ist etwas, das gegen die meisten Ratgeber spricht. Ãberall liest man, man solle Räume âreinâ und âleerâ machen, fast wie in einer sterilen Galerie. Aber mein Laden ist ein Ort des Schaffens. Hier flieÃen Wasser, Erde und Pflanzensäfte. Mein contrarian angle dazu: Ich glaube inzwischen, dass wir unsere Räume nicht nur leeren sollten. Wir müssen sie mit unserer eigenen, chaotischen Energie aufladen.
Nachdem ich geräuchert hatte, habe ich nicht versucht, eine künstliche Zen-Atmosphäre zu schaffen. Im Gegenteil. Ich habe die Eimer neu sortiert, die Blumen fast schon wild arrangiert und meine eigene Lebendigkeit in jede Ecke flieÃen lassen. Ein Raum, der nur âgereinigtâ ist, bleibt oft kalt. Erst wenn wir unseren eigenen Wirbel â mit all den Zweifeln und der unbändigen Freude an den Farben â hineinbringen, wird er zu einem Kraftort. Ein schamanisches Raumritual ist kein Frühjahrsputz; es ist eine Einladung an das Leben, wieder laut zu werden.

Ein Zweig Flieder für das Moleskine
Gestern Abend, es war bereits Ende April, habe ich dann einen Zweig weiÃen Flieder in mein Notizbuch gepresst. Es ist die einundzwanzigste Blume, die nun zwischen den Seiten meines Moleskine trocknet. Jedes Mal, wenn mich eine Ãbung besonders trifft oder ich das Gefühl habe, einen Millimeter weitergekommen zu sein, mache ich das. Der Flieder steht für diesen Moment der Klarheit im Laden. Das Gefühl, dass die Luft wieder bis in die hintersten Winkel der Regale reicht.
Ich sitze jetzt oft sonntagabends in meiner Küche, Zwetschge schnurrt neben mir, und ich blättere durch diese Seiten. Ich weià immer noch nicht genau, wohin mich dieser Weg führt oder ob ich am Ende des Jahres eine Antwort auf alles habe. Wahrscheinlich nicht. Aber der Laden fühlt sich jetzt anders an, wenn ich morgens die Messingglocke höre. Weniger wie ein Museum der Erinnerungen an meine Mutter und mehr wie ein Ort, an dem ich heute lebe.
Es war ein langer Weg von meiner ersten schamanischen Einzelsitzung in Worpswede bis zu diesem eigenständigen Räuchern in Bremen. Manchmal scheitere ich auch grandios an den Ãbungen â letzte Woche sollte ich eine schamanische Reise zu meinem Krafttier machen und bin einfach nach fünf Minuten eingeschlafen, weil der Tag im Laden so anstrengend war. Das gehört dazu. Wir sind keine Heiligen, wir sind Menschen, die mit den Händen in der Erde arbeiten und versuchen, ihr Herz ein bisschen weiter zu machen. Und manchmal reicht dafür ein Bündel BeifuÃ, eine Trommel und der Mut, dem eigenen Chaos zu vertrauen.
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