
Es ist Sonntagabend in Bremen, Mitte Juni 2026. Draußen prasselt ein feiner Nieselregen gegen die hohen Fenster meiner Altbauwohnung im Viertel, und Zwetschge hat es sich auf meinem Schoß gemütlich gemacht. Ihr Schnurren ist das einzige Geräusch, abgesehen vom fernen Quietschen der Straßenbahnlinie 2. Vor mir liegt mein Moleskine, und daneben eine Kiste mit Ranunkeln, die ich morgen früh als Erstes im Laden anschneiden muss – sie kamen gestern viel zu spät an, als ich eigentlich schon den Schlüssel im Schloss umdrehen wollte.
Ich sitze hier und versuche, die letzte Woche in Worte zu fassen. Seit Februar stecke ich nun in dieser einjährigen Online-Ausbildung, und wir sind jetzt im fünften Monat. Es ist seltsam – ich dachte, nach all der Zeit im Frauenkreis in Worpswede und den vielen Samstagabenden mit der Trommel hätte ich eine Routine gefunden. Aber die Integration in meinen 54-Stunden-Alltag im Laden fühlt sich oft eher wie ein vorsichtiges Balancieren auf einem sehr dünnen Draht an. Die Hände tief im kalten Blumenwasser, den Kopf noch in der schamanischen Reise vom Vorabend – das passt nicht immer zusammen.
Der Rhythmus zwischen Erde und Geist
Mein Laden ist schmal, die Holzregale sind schief, und wenn die Messingglocke an der Tür läutet, reißt mich das oft unsanft aus meinen Gedanken. Ich habe in den letzten Monaten gelernt, dass spirituelle Entwicklung nichts ist, was man 'erledigt', wenn die Kunden weg sind. Sie passiert mittendrin, oder sie passiert gar nicht. Aber das ist verdammt schwer, wenn man gerade versucht, dreißig Rosen dornenfrei zu machen und gleichzeitig über die eigene Ahnenlinie nachdenkt.
Manchmal fühle ich mich wie eine Hochstaplerin. Da stehe ich und binde einen prachtvollen Strauß aus Pfingstrosen und Eukalyptus, lächle die Stammkundin an und innerlich kämpfe ich mit der Leere, die Ingrid hinterlassen hat. Seit ihrem Tod im März 2024 ist vieles anders. Ich habe damals gedacht, ich wüsste, was Trauer ist – schließlich verkaufe ich jeden Tag Trauerfloristik. Aber der eigene Verlust ist kein Kranz, den man bindet und dann wegsteckt. Er ist eher wie Moos, das überall dort wächst, wo man es nicht erwartet.

Ich erinnere mich an einen Moment in dieser Woche – es war Mittwoch, glaube ich. Ich wollte eine kleine Übung aus dem Kurs machen, während der Mittagspause. Zehn Minuten Stille, nur den Atem spüren. Ich saß hinten im Lager auf einer umgedrehten Plastikkiste, zwischen leeren Vasen und dem Geruch von feuchtem Papier. Und wisst ihr was? Es kam nichts. Gar nichts. Nur das nervige Summen der Kühlung und der Gedanke, dass ich noch die Rechnung für die Drahtbestellung bezahlen muss. Ich habe die Übung nach drei Minuten abgebrochen. In solchen Momenten frage ich mich, wofür ich eigentlich jeden Monat diesen Betrag überweise, den ich mir kaum leisten kann.
Warum Perfektion der Feind des Wachstums ist
Ich habe lange versucht, den Laden energetisch 'rein' zu halten. Ich dachte, ich müsste wie eine kleine Lichtinsel hinter meinem Tresen stehen. Aber das ist Quatsch. Ein Blumenladen ist laut, er ist matschig, und manchmal sind die Kunden einfach nur gestresst. Die schamanische Arbeit hat mir gezeigt, dass das alles dazugehört. Es gibt keinen heiligen Ort, der getrennt ist vom Dreck unter meinen Fingernägeln. Ich bin keine Heilpraktikerin und keine Coachin, ich bin Helene, die Floristin, die versucht zu verstehen, warum die Welt ohne ihre Mutter so anders aussieht.
Eines der wichtigsten Dinge, die ich gelernt habe (und das war ein harter Prozess), ist, dass meine Intuition nicht dann spricht, wenn ich sie erzwinge. Sie spricht eher beim Arbeiten. Wenn ich die Stiele einer Anemone kürze und plötzlich weiß, dass ich heute Abend nicht trommeln, sondern einfach nur weinen muss. Ich habe früher viel darüber nachgedacht, wie man die Intuition stärken und Übungen im Alltag einer Floristin umsetzen kann, ohne dass es sich künstlich anfühlt. Heute weiß ich: Die Übung ist das Leben selbst.
Es gab diese eine Sitzung im April, in der wir uns mit dem Thema Vergebung beschäftigt haben. Ich saß vor dem Laptop, Zwetschge auf dem Fensterbrett, und sollte mir vorstellen, wie ich alte Lasten loslasse. Ich fühlte mich nur leer. Kein Licht, keine Engel, keine großen Erkenntnisse. Nur das Gefühl, dass ich lieber schlafen würde. Ich habe mich dafür geschämt. Aber mein Notizbuch hat mich gerettet. Ich habe am nächsten Tag eine welkende Ranunkel in die Seiten gepresst. Sie steht für diesen Moment des 'Nicht-Könnens'. Und das ist okay.

Die Sprache der Blumen in der Ausbildung
Inzwischen liegen 32 gepresste Blüten in meinem Moleskine. Jede einzelne ist ein Anker. Wenn ich heute zurückblicke auf meine Erfahrungen nach den ersten Wochen der Online Ausbildung, sehe ich, wie sehr ich mich damals noch unter Druck gesetzt habe. Ich wollte alles richtig machen. Ich wollte die 'beste' Schülerin sein, als gäbe es dafür ein Zertifikat, das den Schmerz heilt. Aber es gibt kein Zertifikat für ein geheiltes Herz.
Gestern kam ein Mann in den Laden, er wollte einen Strauß für seine Frau, 'einfach so'. Er war so ungeduldig, hat ständig auf die Uhr geschaut. Früher hätte mich das genervt. Gestern habe ich ihn einfach nur angesehen und mich gefragt, was er wohl gerade wegdrückt. Ich habe ihm einen Strauß mit viel Schleierkraut und ein paar kräftigen blauen Anemonen gebunden. Als er ging, hat er die Messingglocke fast überhört, aber er hat kurz innegehalten und tief eingeatmet. Das war für mich ein schamanischer Moment – ganz ohne Räucherwerk.
Ich bin natürlich keine Ärztin und keine Therapeutin. Wenn der Schmerz über Ingrids Tod mich früher ganz gelähmt hat, war der Gang zu einer professionellen Trauerbegleitung der erste und wichtigste Schritt. Ein Online-Kurs kann keine Therapie ersetzen, und wer wirklich tiefe psychische Hilfe braucht, sollte immer zum Hausarzt oder einer Psychotherapeutin gehen. Für mich ist diese Ausbildung eher wie eine neue Brille, durch die ich die Welt sehe – eine Ergänzung zu meinem Handwerk.
Ahnenarbeit am Bindetisch
Ein großer Teil des Programms ist die Ahnenarbeit. Das klingt erst mal sehr abstrakt, fast ein bisschen gruselig. Aber für mich bedeutet es oft nur, dass ich beim Binden eines Kranzes an Ingrids Hände denke. Sie hatte diese kurzen, kräftigen Finger, die nie stillstehen konnten. Wenn ich heute anders auf meine Mutter blicke, dann sehe ich nicht mehr nur die Krankheit und den schnellen Tod im März 2024. Ich sehe die Kette von Frauen vor mir, die alle ihren eigenen Dreck unter den Fingernägeln hatten.
Ich habe dazu mal etwas über Ahnenheilung für Anfänger aufgeschrieben, weil es mich so beschäftigt hat. Es ist ein langsamer Prozess, wie das Wachsen einer Pfingstrose. Man sieht tagelang nur die dicke, klebrige Knospe und denkt, da passiert nichts. Und dann, über Nacht, bricht sie auf. So fühlt sich meine Ausbildung an. Viel Warten, viel Zweifel, und dann ein kleiner Moment der Klarheit beim Fegen des Ladenbodens.

Jetzt ist es fast elf Uhr abends. Die Ranunkeln in der Kiste sehen im Halbdunkel fast schwarz aus. Ich werde jetzt mein Moleskine zuklappen und versuchen zu schlafen. Morgen früh um acht wird die Glocke wieder läuten. Ich werde keine Schamanin sein, die Blumen verkauft. Ich werde Helene sein, die lernt, dass das Heilige im Alltäglichen liegt – in der Art, wie wir das Wasser wechseln, wie wir einander zuhören und wie wir zulassen, dass die Lücken in uns langsam, ganz langsam, mit etwas Neuem gefüllt werden.
Es bleibt vieles offen. Ich weiß immer noch nicht, ob ich das Programm bis zum Ende durchhalte oder ob ich am Ende wirklich 'anders' bin. Aber vielleicht ist genau das das Ziel: Den Mut zu haben, den Schritt zurückzutreten und das Chaos des eigenen Lebens wie einen wilden Strauß zu betrachten. Er muss nicht perfekt sein. Er muss nur echt sein.
Diese Webseite dient ausschließlich der Information und Unterhaltung. Ich bin keine Ärztin, keine Heilpraktikerin und keine Therapeutin. Meine Erfahrungen sind rein persönlicher Natur. Bitte suchen Sie bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen immer professionellen Rat bei einem Arzt oder einem approbierten Psychotherapeuten.
Keine der Informationen auf dieser Website stellt eine medizinische, rechtliche oder finanzielle Beratung dar. Alle Inhalte basieren auf persönlicher Erfahrung. Wenden Sie sich an einen qualifizierten Fachmann für eine auf Ihre Situation zugeschnittene Beratung.