
Du hörst oft, dass du dir für spirituelle Entwicklung erst einen ruhigen, geschützten Moment schaffen müsstest – eine feste Stunde, eine stille Ecke, eine Kerze – bevor überhaupt etwas in Bewegung kommt. Ich stelle mir diese Frage seit Monaten, seit ich versuche, eine spirituelle Ausbildung neben meinem Blumenladen im Bremer Viertel unterzubringen. Trauerbewältigung nach dem Tod meiner Mutter Ingrid und Schamanismus im Alltag gleichzeitig – am Anfang klang das für mich wie zwei Vollzeitstellen, die sich gegenseitig blockieren. Nur: welche der beiden sollte eigentlich wo Platz finden?
Die Antwort, die sich mittlerweile für mich herauskristallisiert hat, ist unbequem für alle, die auf den perfekten Moment warten: Es gibt keinen geschützten Raum, auf den man warten müsste, damit eine Ausbildung wirkt. Alltagsintegration bedeutet, dass die Übungen genau dort ansetzen, wo ich gerade stehe – meistens mit nassen Händen zwischen Wassereimern, selten mit geschlossenen Augen auf einem Kissen.
Der Mythos vom geschützten Raum
Viele Anleitungen in meinem Online-Programm klingen, als bräuchte jede Übung eine Art Schongang: zwanzig freie Minuten, ein Kissen, eine Kerze, Stille im Hintergrund. Das ist keine böse Absicht der Kursleitung – die meisten Menschen, die so etwas unterrichten, haben eben ein Leben, in dem sich zwanzig freie Minuten irgendwo finden lassen.
Bei mir gibt es diese zwanzig Minuten selten am Stück. Kundinnen kommen mitten in einen wichtigen Gedanken hinein und wollen wissen, ob die Rosen bis Samstag halten. Das Telefon klingelt genau dann, wenn ich innerlich noch bei meiner Mutter bin. Wer darauf wartet, dass der Laden für eine Übung stillsteht, wartet ziemlich lange – der Laden steht nie still.
Alltagsintegration passiert mitten im Bremer Viertel, nicht daneben
Also habe ich angefangen, die Übungen kleiner zu machen, bis sie zwischen zwei Kundengespräche passen. Erdung heißt bei mir nicht mehr, barfuß irgendwo im Gras zu stehen, sondern für einen Atemzug ganz bei der nächsten Aufgabe zu sein, bevor die nächste Kundin hereinkommt. Das ist keine abgeschwächte Version der eigentlichen Übung. Das ist die Übung.
Die Prüfung, ob eine Übung wirklich integriert ist, ist simpel: Trägt sie auch dann noch, wenn eine Kundin mitten hineinplatzt und nach Trauerfloristik fragt? Wenn ja, ist es Alltagsintegration. Wenn sie nur auf dem Kissen funktioniert und danach verpufft, ist sie eine Insel – schön, aber vom Rest des Tages abgeschnitten. Und was ich früher schon in Intuition stärken und Übungen im Alltag einer Floristin beschrieben habe, war eigentlich schon der erste Versuch, genau das zu benennen, auch wenn mir das Wort Alltagsintegration damals noch fehlte.

Fünf Sitzungen, die mich nicht erreichten
Fünf Sitzungen habe ich bei einer Trauertherapeutin gemacht, im ersten Jahr nach Ingrids Tod. Jede Sitzung fühlte sich an wie das Ausfüllen eines Formulars, das jemand anderes entworfen hatte – Fragen zur Trauerphase, Skalen von eins bis zehn, ein Blick auf die Uhr, wenn die Zeit fast um war. Danach habe ich aufgehört. Nicht, weil die Therapeutin schlecht war. Sondern weil sich meine Trauer nicht in dieses feste Frageraster pressen ließ, ohne dass etwas Wichtiges dabei verloren ging.
Das soll kein Urteil über Trauertherapie im Allgemeinen sein. Für viele Menschen ist genau diese Struktur die Rettung, und wer unter starker Trauer, Depression oder Angst leidet, sollte sich immer an eine Hausärztin oder eine approbierte Psychotherapeutin wenden – das gilt auch für mich, falls es wieder so weit kommen sollte. Bei mir hat einfach dieses eine Format nicht gepasst. Was stattdessen half, war keine neue Therapieform, sondern die vielen kleinen Momente dazwischen, die niemand als Behandlung bezeichnen würde.
Roswitha und Trude stellen dieselbe Frage
Roswitha kommt seit Jahren freitagvormittags in den Laden. Sie glaubt nicht an Schamanismus, das sagt sie offen, aber sie respektiert vollständig, dass ich diesen Weg gehe, ohne mich je komisch dafür anzusehen. Neulich hat sie gefragt, ob ich mir jetzt extra Zeit freischaufeln müsste für all das – Trommeln, Reisen, die Ausbildung. Ich habe kurz gezögert, bevor mir klar wurde: Nein. Genau das ist der Punkt.
Trude aus dem Online-Kurs schreibt mir seit meinem ersten Erfahrungsbericht, kurze Nachrichten, die trotzdem lange nachwirken. Sie hat mich neulich etwas gefragt, das ich mir selbst noch nicht gestellt hatte: ob die Ausbildung nur für Menschen mit viel freier Zeit gemacht sei. Wir haben uns nie persönlich getroffen, und trotzdem hat mich diese Frage tagelang beschäftigt.
Was ich in den Erfahrungen nach den ersten Wochen der Online Ausbildung beschrieben habe, war noch stark von genau dieser Sorge geprägt – von der Angst, nicht genug Raum dafür zu haben. Heute würde ich es anders aufschreiben.

Im Kursjahr geht es um vieles, das sich nicht an einem Freitagvormittag erklären lässt. Trommelreisen gehören dazu – das, was im Kurs schamanische Reise heißt – und was Trauerintegration genannt wird, wenn sich eine solche Reise direkt auf den eigenen Verlust richtet. Schattenarbeit auch, der Teil, in dem man sich Gefühle erlaubt, die man sich sonst verbietet.
Herzöffnung ist ein weiteres Modul, genauso wie Hellsinne, die man schärfen kann, und energetischer Schutz für Menschen, die ohnehin schon viel spüren. Huna-Lehre aus Hawaii gehört ebenfalls dazu, mit einem ganz eigenen Zugang zu denselben Fragen. Und dann ist da noch mein Notizbuch, das ich sonntagabends fülle – wie genau, habe ich an anderer Stelle beschrieben; hier reicht der Hinweis, dass es die innere Leere nach Ingrids Tod nicht füllt, sondern nur zeigt, wie sie sich langsam verändert.
Die Postkarte in der alten Schublade
Vor ein paar Tagen habe ich in einer alten Schublade nach Bindedraht gesucht und stattdessen eine Postkarte gefunden, die Ingrid mir vor Jahren aus dem Urlaub geschickt hat. Ich habe die Handschrift gelesen, ganz langsam, ohne wegzuschauen – zum ersten Mal, seit sie gestorben ist. Das war keine große Erleuchtung, kein Moment mit Trommelmusik im Hintergrund. Nur eine Postkarte, ein paar Sätze in ihrer krakeligen Schrift, und ich, die sie zu Ende gelesen hat, ohne die Karte wieder wegzulegen.
Genau das ist Alltagsintegration in ihrer ehrlichsten Form: nicht der Termin am Samstag in Worpswede, sondern das, was beim Suchen nach Bindedraht passiert. Was im Kurs Ahnenarbeit heißt, habe ich an anderer Stelle ausführlicher aufgeschrieben, in Ahnenheilung für Anfänger – hier reicht der Satz, dass die Postkarte mir seitdem mehr davon erklärt als jede Übung.

Nicht perfekt, sondern echt
Zwetschge liegt meistens irgendwo in der Nähe, wenn ich am Wochenende schreibe, und interessiert sich für keine einzige dieser Fragen. Vielleicht ist das auch eine Lektion: Nicht jedes Wesen in meinem Leben muss die Ausbildung verstehen, damit sie wirkt. Der Mythos vom geschützten Raum hält sich hartnäckig, weil er so vernünftig klingt. Aber vernünftig ist nicht dasselbe wie wahr.
Wer auf die perfekte Stille wartet, um mit einer spirituellen Praxis anzufangen, wartet vermutlich für immer – zumindest, wenn der Alltag genauso voll ist wie meiner. Bei ernsthafter Trauer, bei Depression oder bei Angstzuständen ersetzt das alles hier trotzdem keine fachliche Hilfe, das will ich nicht verschweigen. Aber für das, was zwischen den großen Krisen liegt, für die vielen kleinen Tage dazwischen, reicht oft ein Blick, der nicht wegschaut. Mehr braucht Alltagsintegration nicht, um zu funktionieren.
Diese Webseite dient ausschließlich der Information und Unterhaltung. Ich bin keine Ärztin, keine Heilpraktikerin und keine Therapeutin. Meine Erfahrungen sind rein persönlicher Natur. Bitte suchen Sie bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen immer professionellen Rat bei einem Arzt oder einem approbierten Psychotherapeuten.
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