
Draußen peitscht der Juniregen gegen das Schaufenster meines kleinen Ladens im Viertel. Es ist dieser typische Bremer Sommerregen – grau, hartnäckig und ein bisschen trostlos. Drinnen riecht es nach feuchter Erde, nach dem herben, fast metallischen Duft von frischem Eukalyptus und dem süßen, schweren Aroma der Pfingstrosen, die ich heute Morgen geliefert bekommen habe. Die Messingglocke an der Tür hat heute gefühlt hundertmal geläutet. Meine Hände schmerzen, sie sind rissig vom kalten Wasser und den Dornen, und mein Rücken erinnert mich daran, dass ich diesen Laden nun schon seit 13 Jahren alleine führe.
Inmitten dieses Chaos, zwischen halbfertigen Sträußen und Kunden, die ungeduldig von einem Fuß auf den anderen treten, versuche ich mich an das zu erinnern, was ich seit Februar in meinem Online-Programm lerne. Huna. Ein Wort, das nach Hawaii klingt, nach Sonne und weiten Stränden, und so gar nicht nach einem schmalen Altbau-Laden in Bremen, in dem die Holzregale schief hängen. Aber genau hier, wenn der Stresspegel steigt, versuche ich, die sieben Prinzipien anzuwenden. Nicht, weil ich jetzt eine Erleuchtete bin – Gott bewahre, ich bin nur eine Floristin, die versucht, den Kopf über Wasser zu halten –, sondern weil ich spüre, dass da etwas ist, das mir hilft, den Raum in mir zu füllen, der seit dem Tod meiner Mutter im März 2024 so leer ist.
Ike – Die Welt ist das, wofür ich sie halte
Das erste Prinzip heißt Ike. Es besagt im Grunde: Deine Gedanken erschaffen deine Realität. Das klingt in spirituellen Büchern immer so einfach, fast schon banal. Aber wenn am Dienstagmorgen die Lieferung mit den Anemonen nicht kommt, auf die eine Braut händeringend wartet, dann ist meine Realität erst einmal: Katastrophe. Mein Puls rast, ich sehe mich schon vor einer wütenden Kundin stehen und spüre diesen alten Druck in der Brust.
Früher hätte ich mich in diese Panik hineingesteigert. Heute halte ich einen Moment inne. Ich schließe die Augen, atme den Duft des Ladens ein und versuche, Ike anzuwenden. Ist die Welt wirklich gegen mich? Oder ist es nur eine Lieferverzögerung? Ich entscheide mich bewusst für eine andere Sichtweise. Die Welt ist nicht das Chaos der fehlenden Blumen; die Welt ist meine Fähigkeit, jetzt eine Lösung zu finden. Es ist erstaunlich, wie sich die Anspannung in den Schultern löst, wenn man aufhört, das Problem als persönlichen Angriff des Schicksals zu werten.

Kala – Es gibt keine Grenzen
Dieses Prinzip, Kala, ist für mich im Laden am schwierigsten. Mein Laden ist eng. Er ist schmal, vollgestopft mit Vasen, Bändern und Eimern. Manchmal fühle ich mich hier drin eingesperrt, besonders an Samstagen, wenn die Schlange bis auf den Bürgersteig reicht. Kala lehrt uns jedoch, dass Grenzen oft nur in unserem Kopf existieren. Es geht um Freiheit und darum, sich von alten Mustern zu lösen.
Ich erinnere mich an die sieben Wochen zwischen der Diagnose meiner Mutter und ihrem Tod. In dieser Zeit fühlte sich mein Leben an wie ein winziger Käfig. Es gab nur das Krankenhaus, den Laden und die Erschöpfung. Ich dachte, ich hätte keine Wahl. Aber Kala flüstert mir heute zu, dass ich immer eine Wahl habe – zumindest in der Art und Weise, wie ich innerlich darauf reagiere. Wenn ich heute im Laden stehe und das Gefühl habe, die Arbeit erdrückt mich, stelle ich mir vor, wie die Wände des Ladens durchlässig werden. Ich bin nicht nur die Frau, die Blumen bindet; ich bin Teil eines größeren Flusses.
Manchmal funktioniert das gar nicht. Letzte Woche zum Beispiel, als eine Vase mit teuren Ranunkeln zerbrach und das Wasser über meinen neuen Katalog lief. Da war nichts mit Grenzenlosigkeit. Da war nur Wut. Ich habe die Scherben aufgesammelt und mich gefragt, was ich hier eigentlich mache. In solchen Momenten fühlt sich der Online-Kurs, für den ich jeden Monat einen Betrag bezahle, den ich mir eigentlich nicht leisten sollte, wie eine riesige Illusion an. Aber dann sehe ich Zwetschge, meine 15-jährige Katze, die völlig unbeeindruckt auf dem Fensterbrett liegt, und ich muss lächeln. Sie beherrscht Kala perfekt.
Manawa – Jetzt ist der Augenblick der Macht
Manawa ist mein Lieblingsprinzip, auch wenn es weh tut. Es bedeutet, ganz im Hier und Jetzt zu sein. In der Floristik ist man oft entweder in der Vergangenheit (Habe ich genug bestellt?) oder in der Zukunft (Wird der Kranz rechtzeitig fertig?). Den Moment wirklich zu bewohnen, ist eine Kunst. Besonders, wenn man Trauerfloristik bindet. Ich kenne die Rituale, ich kenne die Kränze. Aber seit dem Tod meiner Mutter ist jeder Trauerkranz für mich eine Begegnung mit dem Unausweichlichen.
Beim Binden eines großen Kranzes mit weißen Lilien und Efeu versuche ich, Manawa zu praktizieren. Ich spüre das raue Holz des Gestells, die Kühle der Stiele. Ich bin nicht bei der Beerdigung meiner Mutter im März 2024. Ich bin hier. In diesem Moment. Das ist der einzige Ort, an dem ich etwas verändern kann. Ein kurzes, warmes Kribbeln in den Fingerspitzen entsteht, wenn ich beim Binden eines Straußes bewusst tief einatme, um den Aloha-Spirit zu halten. Es ist, als würde die Energie der Blumen direkt in meine Hände fließen.

Aloha – Lieben heißt, glücklich sein mit...
Wir alle kennen das Wort Aloha als Gruß. Aber im Huna bedeutet es so viel mehr. Es leitet sich etymologisch von alo (Anwesenheit) und ha (Atem) ab. Es ist das Teilen des Atems. Im stressigen Berufsalltag bedeutet Aloha für mich, den Kunden nicht nur als Einnahmequelle zu sehen, sondern als Menschen, der vielleicht gerade denselben Schmerz trägt wie ich.
Ich habe gelernt, dass ich nicht heilen kann. Ich bin keine Heilerin, keine Schamanin, auch wenn ich diese Ausbildung mache. Aber ich kann Aloha geben. Wenn eine ältere Dame kommt und nur eine einzige Rose kauft, weil sie ihren Mann verloren hat, dann versuche ich, ihr diesen Moment der Präsenz zu schenken. Das ist anstrengend. Es ist viel einfacher, professionell distanziert zu sein. Aber Aloha verlangt Echtheit.
Hier liegt jedoch auch die Falle, vor der ich warnen möchte. Ich habe gemerkt, dass das strikte Anwenden der Huna-Prinzipien, um immer nur „gelassen“ und „liebevoll“ zu wirken, gefährlich sein kann. Es kann zu einer emotionalen Entfremdung führen. Wenn ich mich zwinge, Aloha zu fühlen, während ich innerlich eigentlich schreien möchte, weil ein Kunde mich unhöflich behandelt, dann untergrabe ich meine eigene Intuition. Wahre Gelassenheit bedeutet nicht, alles wegzulächeln. Wahre Gelassenheit bedeutet, den Stress zu atmen, ihn zuzulassen und ihn dann – wenn er bereit ist – wieder gehen zu lassen. Wenn du mehr über meinen Weg erfahren möchtest, kannst du in meinem Bericht über die Power of Love Online Ausbildung und meine Erfahrungen nach den ersten acht Wochen nachlesen, wie ich versuche, Herz und Verstand zu verbinden.
Mana – Alle Macht kommt von innen
Mana ist die Lebensenergie. Nach einem langen Tag im Laden ist mein Mana oft auf dem Nullpunkt. Ich fühle mich leer, fast so leer wie der Raum, den Mutters Tod hinterlassen hat. Früher dachte ich, ich müsste mein Mana von außen aufladen – durch Bestätigung, durch Erfolg, durch Urlaub. Huna lehrt mich: Mana kommt von innen. Es ist die Verbindung zu meiner eigenen Quelle.
Wenn ich abends in meiner Altbauwohnung sitze, Zwetschge auf meinem Schoß, dann versuche ich, mein Mana wieder zu sammeln. Ich mache keine großen Rituale. Ich sitze einfach nur da. Ich bin keine Expertin für Energiearbeit, ich bin nur jemand, der die ganze Woche mit den Händen in Wasser und Erde arbeitet. Aber ich spüre inzwischen, dass da etwas ist, das heilbar ist. Langsam. Ganz langsam. Es ist kein plötzliches Wunder, sondern ein stetiges Fließen.

Pono – Wirksamkeit ist das Maß der Wahrheit
Das letzte Prinzip, das ich heute erwähnen möchte, ist Pono. Es bedeutet Flexibilität und Rechtschaffenheit. Wenn etwas nicht funktioniert, ändere deinen Ansatz. In der Floristik ist das Alltag: Wenn eine Blume welkt, musst du sie austauschen. In meinem spirituellen Prozess ist es genauso. Manchmal versuche ich eine Trommelreise oder eine Ahnenarbeit, und es passiert – gar nichts. Ich sitze da, höre den Rhythmus der Trommel und denke an meine Einkaufsliste für Montag.
Früher hätte ich gedacht, ich mache etwas falsch. Heute weiß ich: Dann ist dieser Weg gerade nicht Pono für mich. Dann brauche ich vielleicht einfach nur Schlaf oder ein Gespräch mit einer Freundin. Ich bin nicht hier, um ein Zertifikat zu bekommen oder perfekt in schamanischen Techniken zu werden. Ich bin hier, um zu lernen, wie ich mein Leben wieder mit Farbe füllen kann.
Wichtig ist mir dabei zu betonen: Ich habe keine medizinische Ausbildung. Wenn die Trauer dich so sehr erdrückt, dass du morgens nicht mehr aufstehen kannst, oder wenn der Stress im Beruf dich krank macht, dann such bitte einen Arzt oder eine Therapeutin auf. Die schamanische Arbeit ist für mich eine wunderbare Ergänzung, ein Weg, die Seele zu streicheln, aber sie ersetzt keine klinische Hilfe bei schweren Depressionen oder Burnout.
Ein Sonntagabend mit Pfingstrosen
Es ist jetzt Sonntagabend. Die Woche liegt hinter mir, der Laden ist abgeschlossen. Ich habe mein Moleskine-Notizbuch vor mir liegen. Gestern im Frauenkreis in Worpswede haben wir über das Prinzip Makia gesprochen – die Energie fließt dorthin, wo die Aufmerksamkeit ist. Ich habe darüber nachgedacht, wie oft meine Aufmerksamkeit bei den Dingen ist, die fehlen, statt bei denen, die da sind.
Ich nehme eine getrocknete Pfingstrose, die ich am Freitag aus einem Strauß gerettet habe. Sie ist groß, dunkelrot und steht für mich für die großen, intensiven Momente. Ich presse sie zwischen die Seiten meines Tagebuchs. Es ist meine 23. Blüte seit ich im August 2024 damit angefangen habe. Jede Blüte ist ein Anker für einen Moment, in dem ich etwas verstanden habe – oder zumindest gespürt habe, dass es etwas zu verstehen gibt.
Das Huna-Prinzip Pono erinnert mich daran, dass ich nicht alles wissen muss. Ich muss nur weitermachen. Ich binde mein Leben gerade wie einen meiner Sträuße: mit viel Gefühl, mit Pausen, und ohne zu wissen, ob das Ergebnis gut ist, bis ich am Ende einen Schritt zurücktrete. Vielleicht ist das die wahre Gelassenheit: Zu akzeptieren, dass der Strauß niemals perfekt sein wird, aber dass er genau deshalb so schön ist.
Ich streiche Zwetschge über das Fell, sie schnurrt leise. Morgen früh um sechs fahre ich zum Großmarkt. Ich werde Anemonen kaufen, für die Klarheit. Und vielleicht ein paar Eukalyptuszweige für die harten Wochen, die sicher noch kommen werden. Aber ich weiß jetzt, dass ich den Atem teilen kann – mit den Blumen, mit den Kunden und vor allem mit mir selbst.
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